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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Die Musik.

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gehende Kunstinteresse ist das musikalische, das Kunstleben beschränktsich an vielen Orten auf Konzertbesuch und Teilnahme an musika-lischen Vereinen, und alsHausmusik" trägt es bald anspruchsloszur Verschöuerung und Verfeinerung des Familienlebens bei, baldmacht es sich anspruchsvoll breit und überwuchert und verdrängtmit seinem Dilettantismus jedes audere höhere Interesse. Wiesehr es endlich auch mit den religiösen Bedürfnissen und Interessenzusammenhängt, das zeigen nicht nur die religiösen Kompositionender modernen Tonkünstler von Beethovens herrlicher Mssa solemnisbis herab zu Brahms ' deutschem Requiem, sondern vor allem anchder von kirchlich protestantischer Seite her unternommene, freilichebenso verfehlte als bedenkliche Versuch, dem schwach gewordenenreligiösen Leben durch Aufputznng des Gottesdienstes mit Kunst-gesang zu Hilfe zu kommen.

In der Oper standen sich zunächst zwei Parteien gegenüber,unter Friedrich Wilhelm III. hielt es der Hof mit Spoutiui, dasnational empfindende Volk war für Weber; auch die Wahl einesnationalen Stoffes,Agnes von Hohenstaufen", vermochte die Berlinernicht mit dem Ausländer auszusöhnen, nach Friedrich Wilhelms IV .Thronbesteigung mußte er dem Haß der vox xor>u.Ii weichen. Wardie Vorliebe des Hofes für den Italiener ein Zeichen konservativerRückständigkeit des Geschmacks, so entsprach Webers Musik deraktuellen Zeitströmung der Romantik und Meyerbeers auf starkeEffekte berechnete und dem Geschmack dreier Nationen entgegen-kommende Opern dem kosmopolitischen Wesen des jungen Deutsch-land und der klirrenden Phrase seiner Poesie. Hier knüpft auchRichard Wagner an. Mit einem heftigen Willen begabt, dergleichsamauf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans Licht will und nachMacht verlaugt", will er zunächst nichts als wirken, siegen, erobern,vom Theater aus eine unvergleichliche Wirkung ausüben. Darinschien ihm Meyerbeer Führer werden zu können,Nienzi" zeigtdiesen Einfluß, und dnrch seine Hilfe hoffte Wagner damit an dergroßen Oper zu Paris anzukommen. Allein als Drama hatRienzi "große Schwächen, und auf Effekte verstand sich Meyerbeer doch nochbesser, und so wurde sich Wagner im Gegensatz zu ihm und demJudentum in der Musik" über seinen Irrtum und damit über