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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: ,1?in cle sii-elo«.

den modernen Erfolg, das moderne Publikum und das ganzemoderneKunstlügenwesen" klar, er wurde zum Kritiker des Effektsals derWirkung ohne Ursache" und zum gcscllschastlicheu Revolutionär.Die revolutionäre Stimmung der vierziger Jahre, die ja auch schonim Rienzi zum Ausdruck kommt, verknüpfte sich aber zugleich auchmit der nationaleu Strömung, wie sie in der Musik durch Weberbereits ihren Einzug gehalten hatte, nnd so war Wagner nochvorher Romantiker, Weber wurde der, dem er am meisten verdankt.Und auch darin zeigt sich die Romantik, daß ihm die Musikals die tiefste Kunst das Innerste der Natnr und der Meuscheu-brnst erschließt nnd er dnrch sie alles Jauchzeu und Schluchzeu,alles Nhueu und Sehneu, alles Fühlcu uud Wolleu der Seelezum Erklingen nnd zur Aussprache zu bringen sucht. Das trittschon imFliegendem Holländer" hervor, diesem Gegenstück zuJbseus Frau vom Meere, mit seiner Balladcnstimmung, welchedas Herz mit Graueu und geheimem Beben erfüllt. Romantischim engeren Sinn warenTannhäuser" undLohengrin ", aberzugleich auch musikalisch revolutionär. Doch erst derNibelnngen-ring" mit der Sigfriedgestalt sollte das Nevolntionsstück selbstwerden. In diese revolutionäre Stimmuug kam Wagner auch durchpersöuliches Erleben, durch den vollständigen Mißerfolg seinerOpern; dieser aber hing damit zusammen, daß seine Opern selbstschon durch und durch revolutionär waren, eine Völlige Umwälzungdes Opern- und des Theaterweseus überhaupt zur Voraussetzunghatten uud zur Folge haben mußten. Sie waren wirklich etwasneues, Musikdrameu, in denen der dramatische Vorgang die Haupt-sache war, in dreifacher Verdeutlichung sich darstellend, durch Musik,Gebärde uud Wort:die Musik überträgt die Gruudregungeu imJnuern der darstellenden Personen unmittelbar ans die Seeleu derZuhörer, welche jetzt in den Gebärden derselben Personen die ersteSichtbarkeit jener inneren Vorgänge und in der Wortsprache nocheine zweite abgeblaßtere Erscheinung derselben, übersetzt in dasbcwnßte Wollen, wahrnehmen". Und in dem engen Zusammen-passen nnd sich Anschmiegen des einen an das andere besteht dannvor allem die Kunst; darum ist Wagner nicht nur Tonkünstler,sondern auch Dichter und Regisseur. Dazu bedürfte es aber eines