Druckschrift 
Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
Entstehung
Seite
633
Einzelbild herunterladen
 
  

Die Musik,

633

neuen Theaters, diesem wahre Würde zn geben war für ihn einKulturgedanke"; denn seither war es ja doch nur Luxus, dientenur zur Befriedigung von Scheinbedürfnissen. Wie er aber nunvor das Volk hintritt mit demTannhänser" und mitLohengriu"und frägt:wo seid ihr, welche ihr gleich leidet und bedürft wieich"? da bleibt die Antwort und das Echo ans, und nun erfülltihn Ekel und Wut gegen eine Gesellschaft, der die Kunst nur zurEinschläserung und zur Betäubung dient, nnd er wird zum wirk-lichen Revolutionär.So war ich", schreibt er selbst,von meinemkünstlerischen Standpunkt aus, auf dem Wege des Sinuens überdie Umgestaltung des Theaters, bis dahin gelangt, daß ich die Not-wendigkeit der hereinbrechenden Revolution von 1848 vollkommenzu erkennen im stände war".

In dieser Stimmung hat er im Mai 1849 auf deu Barrikadenin Dresden mitgekämpft, und aus ihr heraus hat er an seinemJung Siegfrid" gearbeitet; sein Führer war damals Feuerbach.Aber es war böse Zeit, die Reaktionszeit der fünfziger Jahre, uudfo tritt an die Stelle des Nibelungenrings und ihm voran die ArbeitanTristan und Isolde", jenemeigentlichen ozur8 m<ztaxll^si<zuiii,auf dem der gebrochene Blick eines Sterbenden liegt, mit seinerunersättlichen süßesten Sehnsucht uach den Geheimnissen der Nachtund des Todes, fern weg von dem Leben, welches als dasTrennende in einer grausenhaften, gespenstischen Morgenhelle undSchärfe leuchtet". Der neueste Biograph Wagners, Finck, findetin dieser Sehnsucht der Liebenden nach Vereinigung im Tod freilichnur denüberall wiederkehrenden pantheistischen Gedanken" undsucht dadurch den Einfluß Schopenhauers auf dieses Werk alsweniger groß darzustellen. Das ist falsch, trotz der Schlußworte,

die so gedeutet werden können:

In des Wonnemeereswvgendem Schwall,in der Duft-Wellentönendem Schall,in des Welt-Atemswehendem Allertrinkenversinkennnbewuszthöchste Lust!