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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: 6s sivote".

Dreierlei hat Wagner um diese Zeit von Schopenhancr an-genommen: den Pessimismus, der dem über das Mißlinge» derRevolution, der künstlerischen sowohl als der politischen, schwerVerstimmten in dieser Reaktionszeit so nahe lag; die Theorie desPhilosophen von der Musik als der unmittelbarsten Objektivationdes Willens: sie schmeichelte dem Musiker, der sich dadurch zugleichzum großen Deuter des Weltrütsels emporgehoben sah; nnd endlichdie Schopenhanersche Moral, wonach in der Durchbrechung derEgoität nicht bloß das Gute, sondern auch die Erlösung, diehöchsteLust" bestehe. So ist Tristan und Isolde mit seiner Liebes- undTodessehnsncht, die ja beide, Liebe und Tod, das Ich durchbrechenund die trennenden Schranken der Individualität aufheben, erfülltund durchtränkt vom Geiste Schopenhauers .

Nnd dieser Geist macht dann auch aus dem Nibeluugenringein anderes, als was er ursprünglich hatte werden sollen: dasMusikdrama der Revolution gegen alles Bestehende, gegen trüberVerträge trügenden Bund und heuchelnder Sitte hartes Gesetz,das Triumphlied einer siegreichen Revolution durch einen sieghaftenHelden so war es ursprünglich geplant. Das Ende aber wardie Götterdämmerung, in der nicht nur das Alte und Veraltete,sondern auch das sieghaft Neue zu Grunde geht. Es war wirklichSchopenhauer , der ihm das Konzept verrückte, dessen Pessimismusund Atheismus klingt uns ans den freilich nichtkomponiertenTextesworten entgegen:

Verging wie Hauchder Götter Geschlecht,lass' ohne Walterdie Welt ich zurück.

Und schvpenhauerisch als Durchbrechung der Egoität ist auch hierwie in Tristan und Isolde die Liebe gedacht, die an die Stelledes Nirwana tritt und von der es heißt:

Nicht Gut, nicht Gold,uoch göttliche Pracht;nicht Hans, nicht Hof,noch herrischer Prunk:nicht trüber Verträgetrügender Bund,