Höhere und niedere Litteratur. 19
Eine Kunst nnr treibt er, und will sie nicht lernen, die Dichtkunst.Darum pfuscht er auch so; Freunde, wir Haben's erlebt.
Ein hochmütiges Verachten aller Schulung und Tradition, einethörichte Furcht, Lernen könne der Originalität nnd Fleiß derSelbständigkeit schaden, vor allem ein weitverbreiteter Mangel anRespekt vor älteren Leistungen läßt Goethes Epigramm aus Venedigauch heut noch zu Recht bestehen. Und daran liegt es, daß nnsereModedichter und Unterhaltungsschriftsteller so ties uuter denen andererNationen, so unabsehbar tief unter den gleichzeitigen Meistern unserereigenen Litteratur stehen. Man verlangt ja nicht mehr von ihnen!Viel Bessere pfuschen ja auch und mißhandeln Sprache und Vers'.Die Kreise, die bei uns Clauren und Lafontaine lasen — unddie heut gauz ähnliche Lente begünstigen —, würden in FrankreichMaupassant und Zola lesen; die Familien, die sich Jffland undKotzebne ansahen, könnten dort Augier und Dumas bewundern.
Wenn sich dies Verhältnis immerhin gebessert hat, so fälltein Hauptvcrdienst daran den Zeitungen nnd Zeitschristen zu.Den Klassikern wie den Romantikern galten sie noch als Haupt-förderer des Dilettantismus. Wenn dann bedeutende und geist-reiche Männer das Publikum um eine periodische Veröffentlichungzu scharen hofften, scheiterten sie regelmäßig; so nach Schillers „Hören" und Goethes „Propyläen", Herders „Adrastea" und dem„Athenäum " der Brüder Schlegel eben wieder der formgewandteund geistreiche Publicift Friedrich von Gentz (1764—1832) mitseinem „Politischen Journal" (1799), Ludwig Tieck mit dem„Poetischen Journal" (1800). Ganz langsam erst sind die Zeitungennnd Zeitschriften die natürlichen Vermittler zwischen den Anspruchs-volleren und den Anspruchslosesten geworden. Sie haben in langerArbeit unsere Gelehrten, unsere Fachmänner, und unsere „vornehmenSchriftsteller" dazu erzogen, daß sie in gemeinverständlichen Dar-stellungen denen anderer Länder nicht mehr nachstehen; sie habendas Volk daran gewöhnt, was ihm mit Ernst dargeboten wird,auch mit Ernst entgegenzunehmen. In ihrer Gesamtheit bilden sie dieeigentliche volkstümliche Litteratur der Gegenwart. Es giebt keinenlebenden Dichter, der in Deutschtand so populär wäre wie die„Fliegenden Blätter "; „Gartenlaube" oder „Daheim", „IllustrierteZeitung" und „Deutsche Rundschan" sind nationale Persönlichkeitenmythischer Art. Nur Hochmut kann die gewaltige Gesamtleistungdieser Kräfte geringschätzen. Gewiß stehen hinter unseren Zeitungen
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