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brachte, so studiert er sich Posen ein, die den Beschauer von derGenialität des weltfremden Poeten überzeugen sollen. Aus dieserTendenz schießt (1822) sein „Herzog Gothland " hervor, eine wüsteNachahmung von Kleists „Familie Schroffenstein ", in der der scheuß-liche Neger aus Shakespeares Jugendstück „Titns Andronicus" dieHauptrolle erhält. Wie bei Victor Hugo baut sich alles auf gesuchtenAntithesen auf: ein edler Mann wird ans Liebe zur Gerechtigkeitzum fürchterlichen Verbrecher; und in der Hütte, in der der alteGothland seinen Sohn „wie ein Huhn schlachten will", singt dessenGattin vorher den „alten Trinkspruch": „Pflücket die Rose, eh' sieverblüht". Auch die gotteslästerlichen Rodomontaden in dem seiner-zeit berühmten Monolog des Haupthelden erinnern durch die Kühn-heit ihrer Vergleiche und die Hohlheit ihrer Gedanken an die ärgstenPhrasen, zu denen Victor Hugo sich je verirren konme. Die Saharaist ein Brandmal, das die Sonne der Erde eingebrannt hat; wennes donnert, rnft Gothland: „Ei, wie die Ohrwürmer rnmoren", oder„Horcht! das sind die Fußtritte des Schicksals"; und die Jahres-zeiten nennt er „ein ewiges Fratzenschneiden der Natur".
Das Stück imponierte sogar Ludwig Tieck . In den Kreisender Genialen verstärkte Grabbe den Eindruck durch das Lustspiel„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung " (1L22). Es istsehr witzig und sehr charakteristisch mit seinem litterarischen Spott,mit dem Hohn auf die Naturforschung der Zeit (dem, viel zahmer,auch Fechner Ausdruck gab), mit den Typen des Dichters, dernicht dichten kann, und des für ein Wunderkind ausgegebeneu Dorf-trottels. Am Schlnsse kommt mit gut romantischer Selbstironie,die hier freilich gallenbitter geworden ist, „der vermaledeite Grabbe "angehinkt: „Er ist so dumm wie ein Kuhfuß, schimpft auf alle Schrift-steller und taugt selber nichts". Dabei ist Grabbe schon längstals versoffener Schulmeister in dem ganzen Stück der Hauptakteurgewesen.
Er geht uach Leipzig und zu Tieck ; daun kehrt er in „das ver-wünschte Detmold " heim und weckt seiue armen Eltern aus deni Schlaf;mit Recht hebt ein Literarhistoriker es als charakteristisch hervor, wieer da, um sich des Weinens zu erwehren und keine JfflandscheScene aufzuführen, zur plumpsten Grobheit griff. So ist er immer:innerlich schwach, spielt er den starken Mann, nnd seine Roheit istnicht einmal naiv wie die Christian Daniel Schubarts oder Hein-rich Leos.
Meyer, Litteratur. 11