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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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372
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372 18401850.

trug. Nur Riehl hatte romantisch-konservative Neigungen, standaber doch jeder Orthodoxie, zumal der religiösen, fern. Aber eswar natürlich, daß die Reaktion gegen Herwegh und seine Genossennicht auf ästhetische Fragen beschränkt blieb. Auch die politischenuud religiösen Gegner seiner Richtung mußten in der LitteraturWortführer finden. Natürlich ist es aber auch und wird sich des-halb in solchen Fällen wiederholen, daß im radikalen Lager mehrTalent zu sindeu ist, als im gemäßigten und konservativen. DasUnbedingte, das Neue, Verheißende wird für künstlerische Gemüterimmer eine stärkere Anziehungskraft ausüben als alles, was schonvorhanden ift und was deshalb notwendig auch Einschränkungen,Zeichen von Veraltuug, Erinnerungen an enttäuschte Hoffnungenmit sich führt. Auch das versteht man leicht, daß die stärkerenTalente im Lager des Alten dem weiblichen Geschlecht angehören,dem konservativeren, das das Wirkliche mit schmückender Treue zuumgeben liebt, während der Mann lieber das Erhoffte mit stürmen-dem Eifer erobern will. Erst Strachwitz lehrte die konservativenParteigänger die beredte Sprache stürmisch-poetischen Angriffs; bisdahin schrieben die Angreifer unkünftlerifch (wie Victor v. Straußund Sebastian Brunner ), die wirklichen Dichter wesentlich ver-teidigend, zurückhaltend (wie Sturm und Marie v. Nathusius).

Die beiden frommen Lyriker Julius Sturm (18161896)und Leberecht Dreves (18161870) stehen an Talent hinterden Kreuzesstürmern Sallet und Herwegh weit zurück. JuliusSturm aus Köstritz verrät in seinen Gedichten voll aufrichtigerEmpfindung nirgends, daß er (18411843) in Heilbronn infreundschaftlichem Verkehr mit Kerner und Lenau lebte: so ganz un-originell, so schwächlich im Tou, so selten von einem kräftigerenHerzschlag durchdrungen, ziehen seine Lieder in langer, frommerMonotonie dahin eine endlose Prozession, in der wir kaumeinen Charakterkopf erblicken. Interessanter ist der KonvertitLeberecht Dreves aus Hamburg , Blüchers Pathenkind und alsDichter (1849) von Eichendorff aus der Taufe gehoben. WieSchack kam er vom Nechtsstudium zur vielseitigen Lektüre undzur Übersetzung fremder Poesie, besonders altchriftlicher Hymnen.Früh veröffentlichte er Gedichte; neben dem Einfluß Eichendorffs zeigen sie Reminiscenzen aus anderen Dichtern, Goethe, Stolberg ,Heine, gegen die er sich nie genügend gewahrt hat (Warte nur,wie balde senkst dein müdes Haupt auch du".Sohn, hier hast