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1840—18S0.
seiner Art ganz vortrefflichen konservativen Agitationsorgans „Volks-blatt für Stadt und Land" übernahm. Für dies steuerte sieKindergeschichten nnd Märchen bei, dann Erzählungen für jungeMädchen, und als eine solche war anch das „Tagebuch einesarmen Fräuleins" (1853) gedacht. Es ist ein Roman vongrößter Zartheit, in der Schilderung der inneren Kämpfe zwischenStolz und Demut so wahr, in der Darstellung des allmählichenErwachens der Liebe in einem verschüchterten Mädchenherzen sofein, in der Vorführung der Nebenfiguren (trotz ziemlich starkerSchattierung des „Bösen") so künstlerisch abgerundet! Ihre be-rühmte Altersgenossin Luise von Fran^ois hat wohl größere Werkegeschaffen, aber keines, das so wie dies fleckenlos wäre. Vor demHauch warmen Gottvertrauens und demütigen Gehorsams, der diesBuch beseelt, wird sich auch der Andersdenkende mit der Ehrfurchtbeugen, auf die jede ehrlich bekannte und voll durchgeführte Über-zeugung gntes Recht hat. Zahlreiche andere Geschichten erreichtendies Meisterwerk nicht, doch wird auch ihuen hohe Kuust nach-gerühmt, zumal ihrem letzten Werk, „Elisabeth" (18S8). Jung istsie gestorben; aus ihrem Nachlaß erschienen noch „Hundert Lieder,geistlich nnd weltlich, ernsthaft nnd fröhlich".
Stark und fest stehen die Dichterinnen dieser Epoche da: BettyPaoli, Lnise v. Fran^ois, Marie Nathnsius; schwankend nnd un-sicher die Männer ihrer Partei: Dreves, Strachwitz, Redwitz . Keinervon ihnen, dessen Entwickelung nicht einen Brnch nnfwiese, mag auchbei Dreves die Konversion sich stetiger, organischer vollzogen haben,als bei Redwitz der Anstritt aus dem orthodoxen Lager.
Es ist üblich, von Moritz Graf v. Strachwitz (1822—1847) im Ton einer gewissen mitleidigen Anerkennung zn sprechen.Gocdeke meint, Strachwitz habe wohl für Balladen eine glücklicheHaud gehabt, in Liedern aber habe er sich immer vergriffen; undselbst sein alter Freund Fontaue erklärt, er sei von seiner Be-wunderung Strachwitzens fast ganz zurückgekommen. Nun, ein großerDichter war Strachwitz sicher nicht; aber ich zweifle, ob man auchnur Freiligrath so benennen kann. Und soll durchaus gemessenwerden, so bin ich geneigt, seine ursprüngliche Begabung höher zuschätzen als die Geibels. Man darf nur nicht vergessen, daß Strach-witz starb, bevor er seine „Juniuslieder" schreiben konnte! Ernannteseine erste Sammlung „Lieder eines Erwachenden" (1842); derZwanzigjährige blickt hier wirklich eben erst in den Tag hinein. Er