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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Die politischen Historiker,

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losigkcit über oder unter den feindlichen Parteien ihre Stellungnahmen, arbeiteten langsam, aber sicher Geschichte, Vorurteilslosigkeitund Friedensliebe daran, eine Versöhnung der Gegensätze auf demBoden gemeinschaftlicher Voraussetzungen zu ermöglichen.

Als die Nomantik derGenialen" und der Rationalismus derPhilister" in unversöhnlichen Krieg geraten waren, da gelang esder historischen Schule, aus beiden Lagern die besten Elemente zuneuer Arbeit zu vereinigen. Wohl ging der geschichtliche Sinn derSavigny und Grimm aus romantischen Ideen hervor seine Er-folge aber verdankte er jener ruhigen, sicheren Einzelarbeit, die dieSchlegel und Brentano folgerichtig als philiströs verspotteten. DasSchauspiel wiederholte sich jetzt. Die großen Historiker, die aufRanke folgten, hatten wohl von dem konservativen, im Grunde seinerSeele durchaus autiromantischen Altmeister Methode uud Exaktheitgelernt der Geist aber, in dem sie die Werkzeuge verwandten,kam ihnen aus dem liberalen Lager zu, und die romnmischen Ideen,die jetzt dort wirksam waren, hatten ihren guten Anteil an ihrerStosfwahl wie an ihrer Tendenz. Es ist die Epoche derPoli-tischen Historiker", die jetzt die Zeit derstrengen Objektivität"ablöst. Schüler Rankes, direkt oder indirekt, ist jeder deutsche Histo-riker seit Ranke Curtius etwa ausgenommen; aber daneben hatauf diePolitischen Historiker" fast durchweg Dahlmann eingewirkt,das Orakel der Paulskirche, der Mann, dem die Geschichte vor allemFührerin zum politischen Lernen, Wegweiserin der politischen Ent-wickelung war. In seinem berühmten VortragÜber den Stand derneueren deutschen Geschichtschreibung" (1856) sagt Heinrich v. Sybel :

Fragt man nun, was die erfreulichen Erscheinungen der deutschen Gc-schichtschrcilmng seit 1848 von ihrcu Vorgangern unterscheidet, so wird maubald inue, daß die charakteristischen Merkmale nicht in dem Kreise deswissenschaftlichen und gelehrten Apparates liegen. Die kritische Methode istnoch dieselbe, wie sie von Nicbuhr und Ranke gelehrt worden: die Grund-begriffe der Kulturgeschichte werde» uvch iu gleichem Sinne gchandhabt, wie sieEichhorn und Savigny vor vierzig Jahren feststellten. Das Neue liegt durch-aus in der veräudcrteu Stellung des Autors zum Staate. Hier zeigt sichalles, was wir vorher als allgemeinen Fortschritt in dem Bewußtsein derNation bemerkten, größere Klarheit und intensivere Kraft deS nationalenGefühles, praktische Mäßigung und eingehende Sicherheit des politischen Ur-teils, positive Warme und freier Blick in der sittlichen Auffassung. Diedoktrinäre Phrase und die politische Knunegießcrei mancher altliberalcrHistoriker siud ebenso verschwunden, wie die offiziöse GeKeim- und Bor-nehmthnerei, die sonst wohl als Merkzeichen gutgcsinutcr GeschichtschreibungMeycr, Litteratur. 2S