Storms Novellendichtung.
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stock und das bestimmende Muster seiner poetischen Erregungen.Alle Dichtungen Storms könnte man als „historische Lyrik" be-zeichnen: der Versuch, ans gewissen Überresten oder Nachklängeneinen verschwundenen Zustand wieder aufzubauen, ist den bezeich-nendsten unter seinen Gedichten mit sast all seinen Novellen gemein.Hieraus entspringt folgerecht die Eigenart seiner Technik. Man hateinzelne seiner Erzählungen „Erinnerungsnovellen" genannt' imGrunde sind sie das alle. Die Erinnerung bestimmt seine Kunstebenso herrisch, wie der Traum die Otto Ludwigs. Dieser verlangtevom Drama, es solle so „epitomieren", wie das Gedächtnis es thue.„Wie geht die Erinnerung zu Werke? Einer denkt z. B. an Jugend-liebe und ihr Schicksal; dann wird die Erinnerung eine dichterischeAbstraktion vornehmen, alles Vorher uud Nachher, alles, was zugleichmitspielte, aber nicht eingriff, weglassen; die Personen, die mit in denHandel selbst verflochten waren, werden von der Erinnerung nur ander Seite erhellt sein, die mitthätig den beiden Helden zugewandtwar; das volle Licht der Aufmerksamkeit wird auf die beiden Haupt-personen, auf den sich Erinnernden und seine damalige Geliebte,fallen." Das ist fast nichts als eine genaue Charakteristik zunächstder „Erinnerungsnovellen" Storms, wie „Jmmensee"; aber an-nähernd auch seiner übrigen Schöpfungen. Storm beginnt mit derGegenwart, mit der jetzt eben auftauchenden Erinnerung, und schreitetvon da zurück, doch so, daß (wieder nach Otto Ludwigs Beschrei-bung) die Erinnerung „von den Zeitspatien zwischen den einzelnenScenen abstrahiert; sie geht stetig von Ursache zur Wirkung, seiensie auch in der Zeit uoch so weit auseinander, hier schließen sieeine Kette; wie die einzelnen Scenen interessanter für die Erinne-rung sind, um so länger wird sie verhältnismäßig bei ihnen ver-weilen und sie ausmalen..." Es ist also keine Manier, sondernpsychologische Notwendigkeit in Storms Technik: nach dem Musterwirklicher Erinnerungen modelt er erfundene.
Hieraus erklärt sich noch mehr. So die Vorliebe für dieForm der Ich-Novelle (zuerst „Auf dem Staatshof" 18-58), inder die Technik des Rückerinnerns ganz direkt angewandt werdenkann. So die Neigung, die Figuren nicht in breiter Deutlichkeitvorzuführen, sondern ans besonders sprechenden Teilen der Er-scheinung zu verweilen, die sich der Erinnerung am stärksten ein-prägen, vor allem auch deni Ange. Wir berufen nns aus ErichSchmidt: