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Es ist für prosaische Perioden mit poetischen Allüren bezeichnend,daß sie die Stoffwahl überschätzen und meinen, die Behandlungeines großen Themas müsse ein großes Werk ergeben; währenddoch Fontanes „Stine " künstlerisch zehnmal mehr zu bedeuten hatals Jordans sämtliche „Nibelunge". So schätzen wir anch kleineGedichte Linggs wie „Frühlingsanfang" (ein von ihm mehrfach,freilich nicht mit Fischers Realismus, aber mit weich gewinnenderStimmung behandeltes Thema) oder „Alte Tränme" höher als diemühsame Reimerei der „Völkerwanderung", in deren kalten leerenStanzen kein wirkliches Leben sich regt, und deren steife Winkel ansSchritt und Tritt an die Mühe des Banmeisters erinnern.
Auch in Linggs historischen Erzählungen („Byzantinische No-vellen" 1881) stört derselbe kühle Ton des historischen Geschichts-bildes. Man fühlt: der Autor hat sich „interessante Motive" aus-gesucht: Justinian und den Aufruhr im Cirkus, den Bilderstreit, dieberühmte Gattiuuenwahl des Kaisers Theophilus; nnd aus demInhalt allein soll der Erzählung das ganze Interesse kommen. DerVerfasser lebt nicht mit, er sieht nur zu und berichtet; und indieser Schwäche des zuschauerhasteu Halberlebcns liegt der größteMangel, der eigentliche Mangel der Epigonendichtung.
Diese zuschauerhafte Haltung, die alle Intensität des Miter-lebens ausschließt, ist von der strengen Objektivität eines C. F.Meyer so weit entfernt wie von der lebendigen Subjektivität einesGottfried Keller . Weder versetzt sich der Autor in seine Personenund ihre Situationen hinein, noch springt er als Mitlebender untersie; er übersetzt nur ihr Erlebnis in seine Verse. Dies ist die Artauch des liebenswürdig verträumten Julius Grosse (geb. 1828)aus Erfurt , in desfen geistvoller Charakteristik Carl Busse deuganzen Kreis der Münchener Epigonen anschaulich gemalt hat:
So stellten sich junge Mädchen ihren LieblingSpocten vor: das edlegriechische Profil, der ideale Blick, die lange Mähne, der sanfte Bart, dieKünstlertracht . . . Betrachtet ein harmloser Mittclcurvväcr diese Konterfeisvon Geibel, Grosse, Wilbrandt, Schack, Hehse, Hamerling s tutti hnaiit,!,so wird er die Leute immer für Maler taxieren uud nicht für Dichter. Sieschleppen den Künstler ewig mit dem Schlapphut und der Kravatte herum,fühlten sich fast alle nur in der Malerstadt München wohl nnd legten Wertdarauf, sich schon äußerlich von der rnissra xlsbs der Nichtkünstler zuunterscheiden. Sie hatten in ihrer Kleidung und ihrer Dichtung so einengewissen schwungvollen Faltenwurf, den wir Modernen nicht mehr heraus-kriegen . . . Sie hatten ferner eine Unsumme von Talenten. Besondersmalten sie alle. Das Land ihrer Sehnsucht war und blieb Italien . Klassische