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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Hcuncrlings spätere Dichtungen.

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reichen Idealismus der Menschheit in schematicher Regelmäßigkeit,aber nicht ohne packende Einzelheiten dar.

Aspasia " (1876) sollte Hamerlings Hauptwerk sein. DieKeime reichen weit zurück; nnd wie der Stoff für Hamerling diehöchste Bedeutung besaß, hätte er auch ein Kunstepos in höheremStil ergeben können. Für uns Deutsche, die wir allesamt SchülerLessings, Goethes und Schillers und mit ihnen Schüler der Griechensind, für uns, die wir den Kampf zwischen dem ethischen nnd demästhetischen Prinzip wieder und immer wieder durchgefochten haben,unter Luther gegen die Humanisten, unter Goethe gegen die Mora-listen, unter den Romantikern gegen die Philister, unter GustavFreytag gegen die Jungdentschen für uns ist dieser Kampfhundertmal mehr einnationales" Thema als alle Kriege zwischenStanfern nnd Welsen. Die Analogie zu den Konflikten derGegenwart bietet sich ungezwungen dar; und für Hamerling selbst wäredas Mitzittern seiner tiefsten Herzensadern, wäre die Gedanken-arbeit und die Sehnsucht seiner Jugend selbst Mitarbeiter geworden.Statt desseu verschwendete er seine Jugendkraft an üppigeGemälde mit philosophischer Rahmenzeichnung nnd behielt schließlichsür seineAspasia " nur noch die Trockenheit einer ermüdetenPhantasie und die Korrektheit eines abgespannten Prosastils über.Die vielfachen Anachronismen können das mangelnde Lebensblutuicht ersetzen, das die Figuren der perikleischen Zeit vor uns auf-leben ließe. Aspasia ist eine emanzipierte jnngdeutsche Dame, die denoffenen Krieg jedem Vorurteil" als ihre Parole, denKampf gegendas Herkommen als ihre Sendung" proklamiert; Perikles ist, wieder König von Sion, ein schöner Mann, von dessen Bedeutungwir viel hören, aber nichts merken. Die Handlung schleppt sichin langsamen Schritten mit wenig bedeutenden Gesprächen zn ihremZiel hin und hinterläßt schließlich doch nur den unerwünschtenGesamteindruck: als die Griechen des Periklesheiter-selig wie dieolympischen Götter" lebten, da war es im Grunde noch viel lang-weiliger als in unserer bösen Zeit!

Die Erschöpfung, die inAspasia " undAmor nnd Psyche"(1882) den gewaltsamen Anstrengungen desAhasver " und desKönig von Sion" gefolgt war, hat dann kein größeres Werk mehrgezeitigt, wohl aber noch ein ausgedehntes Capriccio, das wir zuHamerlings besten Gaben rechnen:Homunculus" (1888). Die Idee,unserekünstliche" Zeit, die Überhebung von Wissenschaft und Technik,