Heinrich Leuthvlo,
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ling überwand den Pessimismus, der dem kranken und empfind-lichen Mann nah genug am Haupt vorbeizog, uud schwang sichzu einer tapferen Lehre vom unvertilgbaren Recht des Idealismusauf — fast wie Lorm sich zn seinem „unvernünftigen Sonnenschein"durchrang; Leuthold sank unter im Pessimismus und ging innagender Selbstverachtung zu Grunde. Hamerliug war gewiß derhöher angelegte Charakter, tapferer, fester; aber Leuthold war sicherder größere Dichter, selbständiger, formvollendeter, einheitlicher.Hamerling war ein grübelndes Mittelding von Philosoph undDichter, von Prediger nnd Pedant; Leuthold war kein Denker,kein Mahnprediger — aber er war jeder Zoll ein Künstler.
Heinrich Leuthold (geb. 9. August 1827) aus Wetzikon imKanton Zürich bildet mit dem acht Jahre älterm Gottfried Keller und dem um zwei Jahre jüngeren, aber viel später erst litterarischhervortretenden C. F. Meyer das glänzendste dichterische Trifolinm,dessen sich in neuerer Zeit ein engerer Bezirk rühmen kann. Alledrei teilen sie die unerschöpfliche Freude am Schöneu, die Lustam Aufschmücken und Ausgestalten, die Selbständigkeit des Wegesund die Unabhängigkeit von Zeitströmungen; alle drei aber teilensie freilich auch den verhängnisvollen Bruch in der Entwickelung.Leuthold wuchs, wie Keller und Hamerling, in Armut herauf, dochscheinen die Familienverhältnisse bei ihm noch viel bedrückender undschmerzlicher gewesen zu sein: der Vater starb im Armenhans, dieMutter fand zu der geistigen Bedeutung des Sohnes niemals eineBrücke. Doch konnte er die Schweizer Universitäten besuchen unddort, wie so viele seiner Genossen, die Jurisprudenz als Brotstudinm,Philosophie und Litteratur als Liebhaberei treiben. Anßer Goethe undSchiller und mehr als sie wirkten Lenau und Herwegh auf das nachFreiheit uud nach schönem Klang begierige Gemüt. Er sang patrio-tische und politische Lieder, zum Teil von der grellsten Färbung der„Armeleutedichtnng" („Das Elend" 1851). Hamerliug gesteht, ersei nie geliebt worden; der vollkräftige große Schweizer Jünglingmit den scharfen, etwas stechenden Augen und dem landsknechts-mäßigen dicken Schnurrbart fand glühende Liebe. Einer erstenEnttäuschung folgte die lebenslange Treue einer geschiedenen Frau,der Schweizer Patriziertochter Karoline Trafford — ein Verhältnis,das wie manches in Leutholds Leben an die Schicksale des genialenBerner Malers und Kunstschriftstellers Karl Stauffer erinnert.Aber diese ruhelose Seele fand auch bei der ihm so leidenschaftlich