Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
560
Einzelbild herunterladen
 
  

560

18S01860.

Wie treu ergebenen Geliebten, die ihm eine Tochter schenkte, keineRuhe. JenesHeimweh nach der Ferne" ergreift ihn, das auchGoethe nicht rasten ließ, bis er Italien sah. Mit Karoline durch-zog er die Südschweiz und Italien (18541857); und hier erstreifte ihm ganzdie Gabe des Worts zur lieblichen Frncht desGesanges". Lenthold ward hier, was ihn so ganz einzig machtobwohl C. F. Meyer als Prosaiker sich ihm hierin vergleichenläßt: ein romanischer Poet in deutscher Zunge. Aber eingestandenerMann", wie die Süddeutschen sagen, ward er nicht, und zu keinerbürgerlichen Stellnng geeignet. Sein Verehrtester Lehrer uud Freuud,der große Jakob Burckhardt , riet ihm, sich ganz der Litteraturzu widmen ein Rat, der, von dem größten Kenner antikerund mittelalterlicher Knltnr erteilt, Wohl manches voreilige Urteilüber Lenthold hätte verhindern dürfen. Natürlich ging Leutholduun (1857) in das Künstlerparadies München und ward in derTrinkergenossenschaft derKrokodile" ein hochgeschätzter Mitdichterund Mittrinker; neben Geibel trat ihm besonders Wilbrandt freund-schaftlich nahe. Aber während die Mehrzahl der reichsdeutscheuPoeten dieser Gruppe die aktive Politik als eine unwürdige Tages-arbeit ansahen, griff der Schweizer mit dem ganzen Feuereifer seinerSeele zu, als es für den deutschen Geist endlich wieder eine würdigestaatliche Form zn schaffen galt; an der eifrig für das einheitlicheDeutschland kämpsendcnSüddeutschen Zeitung" hat er (seit 1860)als Redakteur mitgearbeitet, vorübergehend sogar deshalb sein ge-liebtes München mit Frankfurt , dann, bei einer anderen Zeitung,mit Stuttgart vertauscht (1865 >. Aber er fand in dieser Thätigkeitkeine Befriedigung; auch erheben sich mindestens die neuerdingswieder veröffentlichten Essays über französische Dichter in keinerWeise über den Durchschnitt. Zu den Nahrnngssorgen trat einesehr schwere Erkrankung, die man vorschnell als eine rasch tötendeLungenschwindsucht diagnosticierte; dazu Schicksalsschläge wie diemeuchlerische Ermordung seines letzten und liebsten Bruders aufder Straße das Küustlerparadies München hatte in jenen Tagenauch von der schlimmen Nomantik recht viel angenommen. Verzweifeltstürzte er sich in ein wildes Leben; die Ehe mit Lina Trafford, dieihn vielleicht gerettet hätte, wagte er nicht zu schließen, um sie nichtan seine Unzuverlässigkeit zu binden. Dann trat Anfang der sieb-ziger Jahre eine Gestalt in seinen Lebenspfad, wie er sie nurgeträumt hatte, eine Enkelin Wilhelm v. Humboldts, einePenthe-