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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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sileahafte Erscheinung mit wogendem Kastanienhaar", schön, geist-reich, vornehm, auch sie von ihrem Manne geschieden. Leuthold ,dessen originelle Persönlichkeit so viel bestrickenden Reiz als ab-stoßende Unliebenswürdigkeit auszugeben vermochte, gewann sie beimersten Anblick; ihr wollte er sich vermählen, aber sie konnte sich wiederihrerseits nicht entschließen, blieb aber seine treue Freundin unddie Muse seiner reichsten Dichterzeit. In wenige Jahre drängtensich nun die vollsten Künstlererlebnisse zusammen. Glück undUnglück, Not und Überfluß hielten ihn zugleich an beiden Schulternund ließen ihn nicht los. Dazu schwelgte er in den Versen seinerPenthesilea" und dem Vorgeschmack des von seiner größten Dichtungerhofften Ruhmes. Die zerrüttete Seele und der zerrüttete Körperertrugen beide nicht so viel. Eine Geisteskrankheit brach aus, undunheilbar verblödet ist der Arme (1. Juli 1879) in der Heimatgestorben.

Er war schon in der Irrenanstalt, als (1879) die erste Aus-gabe seiner Gedichte erschien, dnrch Gottfried Keller mit kräftigem,wenn auch kühlem Lob bevorwortet. Die späteren Ausgaben (zu-letzt 1884) hat dann Jakob Bächtold , der an der Sammlung dasHauptverdienst trägt, mit einer Lebensskizze und Würdigung Leut-holds eingeleitet. Der arme Leuthold traf es auch damit nicht zugut. Der Verdruß über die allerdings höchst unberechtigten Vor-würfe, die des Dichters posthume Verehrer gegen die Schweiz er-hoben hatten, als habe sie ihrengroßen Sohn" in Elend ver-kommen lassen, mag an dem mürrischen Ton dieses Vorwortsseineu Anteil haben; hauptsächlich aber war dem Biographen Gott-fried Kellers mit seiner ganz auf d'enInhalt" und allzuwenig aufdieForm" gerichteten Art Heinrich Leuthold eine im Innerstenunverständliche Erscheinung. Ein Dichter, der wie wenige in seinerEigenart bei dem deutschen Publikum eingeführt, erklärt, ja ent-schuldigt werden muß, ward im wesentlichen als ein Mann desleeren Klangs dargestellt.Lenthold ist kein ursprünglicher Dichter" wie leicht sagt sich das.

Sicherlich ist Lentholds Lyrik nicht urwüchsig wie die Mörikes,noch weniger seine Epik wie Gottfried Kellers . Er ist durchauskein Erfinder; feine Anschanungskraft ist begrenzt. Aber ganz ihmeigen ist die Gestaltung des Gegebenen. Lenthold steht in seinerganzen Artung der antiken, vor allem aber der Renaissancedichtungviel näher als der modernen; aber er hat deren künstlerisches Ideal

Mcyer, Litteratur. 36