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1SS0—1860.
keineswegs einfach übernommen, sondern er hat es aus dem Geistseiner Zeit heraus erneut. Daß der Dichter nicht sowohl einSchöpfer sein soll, als ein Gestalter, ein Vollender der Form, daswar die Kunstlehre unverächtlicher Epochen. Kein Italiener hat esdem Petrarca nachgerechnet, wie viel oder wie wenig neue Ideenin seinen Sonetten vorkommen; wie keiner dem Raffael übel ge-nommen hat, daß er in Andachtsbildern Typen und Motive,Schemata der Anordnung und Farbenskalen von seinen Vorgängerneinfach herübernahm. Vor allem hierin ist Leutholds Kunstbegriffromanisch. Das hindert Leuthold, jene Kunst zu erreichen, in dervor allem der germanische Geist seine Triumphe feiert: die Dar-stellung des Werdens, der Entwickelung ist ihm versagt.
Für das Werdende, für das Wachsen und Keimen in der Natur, bemerktSaitschik, für die Stimmung des in die weite Ferne Verlangenden hatLeuthold keinen Sinn. Die Naturerscheinungen spiegeln sich in seinerPhantasie nicht als ein In-, sondern als ein Nebeneinander. Und ferner:Leutholds Vögel, See, Bäume und Himmelblau heben sich zu Plastisch voudem Hintergrunde des Ganzen ab. Wenn man sich einen von Leutholdgemalten Vogel vergegenwärtigt, wie er in den Lüften schwebt, so siebtman nur den Vogel klar, nicht sein Schweben: dasz der Vogel wirklichschwebt, erfährt man erst vom Dichter.
Das ist es: es fehlt bei ihm den Dingen der Natur der volleAtem, es fehlt das Keimen, es fehlt die sichtbare Bewegung.
Die sichtbare — aber nicht die hörbare. Was Leutholds Ge-dichte vor denen Platens voraushaben, spricht derselbe feine Beo-bachter aus: den melodischen Znsammenhang. „Platen", nm wiederden geistreichen russischen Essayisten zu citieren, „ist es mehr umden Wohlklang der einzelnen Worte, als um die Melodie des ganzenSatzes zu thun." Bei Hölderlin , fahren wir fort, baut sich schonder ganze Satz, die ganze Strophe zu melodischer Einheit auf —aber jede Strophe bleibt für sich. Einen Schritt weiter geht schonNovalis, der in den „Hymnen an die Nacht " ein größeres Ganzesdurchkomponiert, freilich aber bei allem wunderbaren Wohlklangder Worte die metrische Bindung aufgegeben hat. Aber erst Leut-hold macht aus dem ganzen Gedicht eine melodische Einheit, inner-halb deren jede Strophe zur Harmonie des Ganzen mitwirkenmuß, wie innerhalb der Strophe jeder Vers und im Verse jedesWort. Man studiere nur einmal sein „Trinklied eines fahrendenLandsknechts". Abhängigkeit von Geibel sei zugegeben; was aberLeutholds ciselierende Knnst daraus schuf, hätte Geibel uie vermocht.