Leutholds Kunst,
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Charakteristisch kommt seine Begabung vor allem in seinenbeiden Epen, „Penthesilea " und „Hannibal", zum Ausdruck.Sie sind keineswegs so hohl und leer, wie wohl versichert wird,und etwa das reizende Bild der Bremusa, der jugendlichstenAmazone —
Sie aber, als galt' es nur Kampfsviel und Scherz,
Entsandte mit Lächeln das bittere Erz;
Sie focht wie im Traum,
Umringt von Gefahren uud ahnte sie kaum, —
verdient wohl neben Heines prächtigem „Ali Bei" genannt zuwerden:
Während er die FrankenköpfeDutzendweis' heruntersttbelt,Lächelt er wie ein Verliebter,Ja, er lächelt sanft und zärtlich.
Die Erscheinung der Kassandra oder Einzelheiten wie die derLmnde, die an den sterbenden Kriegern hernmschnobern, würdenmit Vewundernng citiert werden, wenn sie in einem griechischenoder italienischen Epos ständen. Auch der „Hannibal", obwohlviel geringer und in seinen Reimen oft allzu Freiligrathisch, hatprachtvolle Episoden und Stellen von höchster Meisterschaft, wie denSchluß des dritten Gesanges:
Als hielten Mars in Lauben
Der Kypris Arme fest,
Als bauten ihre Tauben
In feinem Helm das Nest,
So schwieg des Krieges Schrecken. . .
Zuweilen nur gelind
Schlugen in Myrthenhecken
Die Becken
Und Waffen an im Wind.
Welch unvergleichlich symbolischer Zug, der die gefährliche Ruhedes Stillstandes im Kriege, der Verweichlichung in Capua so reiz-voll musikalisch malt! — Aber dennoch zeigen die Epen am deut-lichsten die Grenzen seines Könnens. Seine Kunst, durchzukompo-nieren, beherrscht nur Tonmassen von beschränkter Ausdehnung; anein Oratorium soll sich der Liederkomponist nicht wagen.
In der Lyrik liegt Leutholds Bedeutung, in Gedichten wie„Das Mädchen von Recco" und dem Landsknechtslied, in den Gha-selen, deren bei seinen Vorgängern noch starre Form er zu einer
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