564 18S0—1860.
wunderbaren exotischen Blume von eigenem Reiz acclimatisiert hatund deren Ban seine Kunst des Durchkomponierens zu höchstenLeistungen lockte. Einige Kunststücke „metrischer Gymnastik" unddie Gedichte in antiker Form, auch die meisten Sonette leisten da-gegen dem Vorwurf seelenloser Spielerei einigen Vorschub. Auchdie Epigramme haben seinem Ruf geschadet, „bissige Dinger", wieBächtold sagt, in denen er (wie nenerdings bei dem FranzosenVerlaine in seinen „Inveotives") sich durch maßlose Grobheit fürdie feine Abtönung der Lyrica schadlos hält; künstlerisch betrachtetsind doch auch sie nicht zu verachten. Aber freilich gilt von denbesseren unter diesen bitteren Werkzeugen eines immer tiefer sicheinfressenden Grolls ganz besonders, was man von dem Leutholdder Münchener Jahre gesagt hat: „eine welke Blüte, deren Duftberauschte".
Ein lebhaft bewegtes Innenleben unter strenger Form zuverbergen, wenn anch unter der ernster Prosa — das ist auchdas Ziel Rudolf Lindaus (geb. 1830) aus Gardelegen in derAltmark , des weniger bekannten, aber bedeutenderen Brndersvon Paul Lindau . Es sind freilich zwei recht verschiedene Typen— dieser viel gewanderte ernste Weltmann, der in Frankreich studiertund promoviert hat (und zwar über Rabelais !), der in Indien,China, Japan, Nordamerika bald als Kaufmann, bald als Diplo-mat, bald als Redakteur, bald als Kriegsberichterstatter sich bewährthat, um es schließlich in seiner Heimat zu einer hohen Stellungim Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches zu bringen, und jenerhastig ohne Menschenkenntnis nmherfahrende Leuthold, der schließlichdoch eben nur zum Dichter taugte. Der mittelgroße Mann mitdem weißen Diplomatenschnurrbart und den kühlen Augen undjener lange Schweizer Landsknecht , der bei den Festen der „Kroko-dile" von Stuhl zu Stuhl stampfte, um jedem ein scharfes Wortins Ohr zu setzen — sie scheinen durch Welten getrennt. Aberdies ist eben eine kleine Welt — eine Novelle Lindaus („Die kleineWelt" 1880) hat das Wort zum geflügelten gemacht; man trifftsich immer. Man trifft sich zumal, wenn man einer Zeit angehört,in der die Welteroberer rar sind, und selbst die Weitgereisten zu-meist auf laugst gebahnten Straßen reisen. Der Kampf gegen den„inneren Schopenhauer", der Konflikt zwischen dem Bedürfnis nachepikureischem Lebensgenuß uud einer von der Zeit aufgedrängtenWeltschmerzstimmung beherrscht die beiden Prosaiker Lindau und