Raabe wie die Dichter Hamerling und Leuthold. Was bei allenvieren an der Formgebung gesucht, oft affektiert, zuweilen unwahrscheint, das hat bei ihnen allen die gleiche psychologische Ursache:das Verlangen nach einer die Unruhe des Inneren bändigenden oderüberdeckenden Gleichmäßigkeit. Bei Liudau ist es eine harte, fasteigensinnige Kühle, die an den französischen Novellisten Mörimve(1803—1870) erinnert; hatte er doch lange, bevor er in deutscherSprache zu schreiben begann, in französischer und englischer Erzäh-lungen veröffentlicht. Der kosmopolitische Zug, der ihn bald in dieWelt der amerikanischen Millionäre („Der Flirt" 1894), bald in dieder armenischen Lastträger („Der Hamal" 1895) führt, läßt ihnüber der Mannigfaltigkeit des Milieu die Einheit der Menschen-natur nie vergessen. „Vom Harz bis Hellas — alles Vettern."Überall hüllt sich Leidenschaft in verdunkelnde Kleider, verbirgt sichVerrat unter vornehmen Formen und treue Liebe unter unbeholfenerReserve („Ein ganzes Leben" 1895 — mir die liebste Novelle Lin-daus); ob auch dies starke Verbergen der Leidenschaft seinen klas-sischen Boden im Orient finden mag, dessen „Türkische Geschichten"(1897) Lindau im Stil der einheimischen Erzähler meisterhaftvorzutragen weiß, „leise und sehr langsam, ohne lebhaftes Mienen-spiel". Diese Freude am Verbergen und Enthüllen des Ungeheuer-lichen, Wilden, der ,dets 1iumair>s° zieht ihn auch besonders zurKriminalnovelle vornehmerer Art.
Aber diese in seiner Natur begründete Neigung, aufregendeZustünde und Ereignisse wie Lenthold „unter das Gesetz des Maßeszu bringen", das Starke zu dämpfen — diese Neigung, die ihnauch am liebsten Gestalten von verhaltener reifer männlicher Kraftzu Helden wählen und auf das Feuer der Jugendliebe mit spöt-tischem Lächeln herabblicken läßt —, sie verführt ihn doch auch zuExtremen auf beiden Seiten. Das, was gedämpft werden soll, wirdallzu stark gemacht, um so recht zu einer Probe seiner Kunst zuwerden; romanhafte Figuren und Unthaten entstellen die Romane(„Robert Ashton" 1877, „Gute Gesellschaft" 1879, „Zwei Seelen"1888» mehr als die Novellen. Und auf der anderen Seitewerden die gedämpften Mittel bis zur Karikatur übertriebe», wieweun in der Novelle „Schweigen" der Gatte die ungetreue Ge-mahlin ganz wörtlich zu Tode schweigt, denn „seul le silenoe estAran6; tout, le reste est taiblsssö". Oder endlich es wirkt beides,wilde Unthat und feierliche Stille, durch fremdes Kostüm noch jedes