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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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18501860.

in seiner Wirkung verstärkt, mit allzu greller Absichtlichkeit gegen-einander (Der Fanar und Mayfair" 1898). Es bleibt dannbloß eine kunstvoll ausgebildete Technik, die aber den Inhalt völligauszehrt, eiu leeres Gehäuse wie es jene allzu künstlichen Kunst-stücke Leutholds auch sind. Doch das sind Ausnahmen; mit denmeisten Romanen und Novellen steht Lindau hoch über berühmterenNamen, weit über seinem eigenen Ruf.

Von Wilhelm Raabe (geb. 8. Sept. 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig ) las ich einmal, er bestimme beijedem Buch deu Umfang jedes Kapitels, ehe er zu schreibe:? an-fängt, bis auf die Seite genau voraus. Das wäre nicht unmög-lich, und es würde recht deutlich illustrieren, wie auch bei diesemEpigonen äußere Gleichmäßigkeit innere Formlosigkeit verdeckt. Re-flexionen, wie er sie überall zuschichtet, und gar altmodische Ver-doppelungen der positiven durch negative Erzählung (Er rang sichdie Hände wund Nein, das that der Junker nicht!") lassen sichjederzeit einschicken, bis eine bestimmte Ausdehnung erreicht ist.Nur ist es dann nicht die, die der Stoff fordert! Und daher istder Stil dieser einfachen, herzlich gemeinten Geschichten so über-laden ; deshalb wird jede Botenfrau aus dem Harz und jeder kleineMagister immer wieder mit Reflexionen und Zwischenreden bepackt.Der Schüler Jean Pauls , der von seinem Meister nur zn viel ge-lernt hat, besitzt doch nicht dessen verschwenderischen Reichtum, deralles gleichmäßig mit dem Sternenschnee seines Humors versilbert;er muß längere, oft recht öde Strecken der Erzählungen mit Sta-tionen humoristischer Bewirtung wechseln lassen, wo nun plötzlichLebensphilosophie und Moral bergehoch aufgetragen wird. Undmehr und mehr geht diese Manier vom Autor auf seine Figurenüber. Zuletzt, etwa vonFabian und Sebastian " (1882) an, werdensie lauter kleine Raabes und gehen in humoristischer Verschwommen-heit unter. Je mehr aber Raabes Fähigkeit, die Gestalten zu indi-vidualisieren, abuahm, desto stärker suchte er sie durch unaufhör-liches Betasten und Vorzeigen der Figuren zu ersetzen. Geradezuunerträglich wirkt diese Zudringlichkeit des Autors ich kann esnicht anders nennen z. B. inGutmanns Reisen" (1892).Wie er da fortwährend demprächtigen alten Herrn" Gutmannsei», auf die Schulter Patscht, desseu Pracht doch eigentlich nur inunerhörter Plauderhaftigkeit nnd mächtigem Schnarchen besteht; wieer dieentzückende Blondine" Klotilde unaufhörlich hätschelt und