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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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RaabeS Technik. 559

scher oder doch ruhiger Verhältnisse durch die plötzliche Ankunft(meist ist es eine Heimkehr) eines Unerwarteten: so inAbuTelfan" (1867)Schüdderump" (1870)Meister Autor" (1874)Prinzessin Fisch" (1883)Zum wilden Mann" (1885). Diestypische Moment ist nichts anderes als der symbolische Ausdruckfür Naabes Weltanschauung überhaupt, gerade wie eiu ähnlichesThema für das Drama unserer Jüngsten bezeichnend ist; dennNaabe besitzt allerdings, was den Wenigsien unter seinen Zeitgenosseneigen ist: eine eigene, aus der eigenen Natur uud der eigenen Er-fahrung hervorgewachsene Weltanschauung. Daß er sie besitzt, hebtihn trotz aller Mängel seiner Kunst hoch über die breite Heerscharder Epigonen. Daß sie selbst starke Spuren der Zeit trägt, aus dersie erwuchs, bleibt freilich bestehen. Zu der Höhe jener über allesVergängliche wie über ein Gleichnis herabblickenden ewigen Welt-anschauungen, die sich Spinoza oder Goethe, Lessing oder Schiller eroberten, ist der Sohn einer geistig ärmeren Zeit nicht empor-gedrungen; und darum, fürchten wir, wird auch das Beste, waser besitzt, veralten, wenn das künstlerische Glaubeusbekenntnis einesEichendorff, eines Fritz Reuter in unvergänglicher Frische fort-strahlen. Denn seiner Weltanschauung fehlt die tapfere Freudigkeitim Genießen oder im Entsagen, im Träumen oder im Leben; esist eben doch nur ein Kompromiß geschlossen zwischen PessimismusUnd Lebensfreude, und Raabes Humor ist der Ausdruck diesesKompromisses.

Das Leben ist der Feind" das ist etwa die Grundformelseiner Weltanschauung. Es giebt zwei große ewige Mächte: dieLiebe, das Ideal tapferer Hingabe, und die Denmt, das Idealstarker Selbstlosigkeit. Sie berühren sich, denn beide fordern Ver-zicht auf das, was dem Menschen das Liebste ist: auf die herrischenGelüste seines eigenen Ich. Aber doch sind es zwei Losungen, die PaulGerber in seinem ausgezeichneten Buch über Naabe schön aus denLeuten aus dem Walde" (1863) herausgehoben hat:Gieb achtauf die Gasse!" und:Sieh nach den Sternen!"Gieb acht aufdie Gasse!" erfülle dich mit Liebe zu den Kleinen, die still unddemütig ihren Kreis ausfüllen auf der entlegenen Pfarre, im Polizei-haus, im Armenhaus;sieh nach den Sterneu!" erfülle dichmit Ehrfurcht vor den Großen, die ihr ganzes Selbst der rastlosenFürsorge für die Armen, die Kranken, die Beladenen geopfert haben.Diese und jene das sind die wahrhaft zu Bewundernden; das