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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
575
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Lokalrmnan, Z75

(1848, 1860) den ruhigen, stillen, fast frommen Ton, den diesealtertümliche halbverschüttete Welt verlangte. Statt der grelltendenziösen Beleuchtung, die frühere Judenschilderungen fast stetsnach der einen oder der anderen Seite hin entstellt hatte unddie bei Karl Emil Franzos (geb. 1848) wieder stark hervor-tritt, statt der freilich gemütlich-witzigen, aber doch immer ironisch-überlegenen Tonart, die Aaron Bernstein (18121384) ausDanzig , der begabte Begründer der BerlinerVolkszeitung" (1853)und verdiente Verfasser der weitverbreitetenNaturwissenschaftlichenVolksbücher" (18581861), in seinen Novellen aus dem jüdischenLeben (Vögele der Maggid" 1860,Mendel Gibbor" 1860) an-schlug, wählte Kompert den Ton, in dem man Jüngeren von derTapferkeit und den Leiden ihrer Vorfahren erzählt. Der epischenBedeutung eines jahrhundertelangen Martyriums ist er erst undfast allein er gerecht geworden. Und mit fast religiöser An-dacht vertiefte sich auch Friedrich Schlögl (13211892) ausWien in das Leben seiner Vaterstadt, seitdem er sich (1870) vonder drückenden Last einer Subalternbeamtenstelle freigemacht hatte.Wie Raabe liebte er die alte, enge, idyllische Stadt, sah er in dereindringenden Civilisation ein Unglück und konnte auf einer Almanfangen zu weinen vor Schmerz darüber, daß er in dem moderni-sierten Wien leben müsse; aber doch war ihm auch dies ans Herzgewachsen und vor allem, wieder eine Ähnlichkeit mit Raabe, diekleinen Leute darin. Aber gerade aus dieser Heimatfrömmigkeit er-wuchs ihm auch der herrliche, oft bärbeißige Humor. In einer Zeit,in der man den Humor sonst mit Gold aufwog, blieb leider dieserechte Herzenshumorist fast unbeachtet. ein prächtiger Vertreterdes weltbesiegenden Lachens, der am Vorabend seines Todestagssich bei seinem Freund Chiavacci entschuldigte, eine Sitzung fürdas Anzengruber-Denkmal versäumen zu müssen:Ich bin durcheine dringende menschliche Berufsangelegenheit verhindert; ich habemorgen zu sterben . ..". Vincenz Chiavacci (geb. 1847) selbstist als Schlögls bester Schüler anzusehen, der freilich in seinenglatten Bildern ans dem Volksleben Wiens Schlögls Art fast sosehr verflacht hat, wie der lustige Benno Rauchenegger (geb.1843) aus Memmingen (Münchener Skizzen" 1888) die seinesVorgängers Franz Trautmann (18131887). In der Nach-ahmung volkstümlicher Redeweise ist allerdings fast überall denJüngeren die neue Schulung des Ohrs zu gut gekommen. Das