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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Karl Hillebrand ,

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Marie, später die originellste Pädagvgin und SchulvorsteherinDeutschlands, befreit. Er floh nach Frankreich uud ward (1863)Professor der fremden Litteraturen an der kleinen Provinzialuni-versität Douai . Dort blieb er, als eifriger Mitarbeiter an derRsvusc!e8 clsux movcies" in französischer Sprache, als Korrespondentenglischer Zeitungen in deren Sprache vortreffliche Aufsätze schreibend,bis der Krieg ausbrach. Er bekannte sich unverzüglich zu seinemBaterlande, gab seine Entlassung und lebte seitdem in Florenz alsMittelpunkt jener glänzenden deutschen Kolonie, der der BildhauerAdolf Hildebrand, der Maler Böcklin, die Dichterin Isolde Kurz angehörten. Seine deutsche Schriftstellern begann er eigentlich erstdamals, ein Vierziger, ganz in die Geheimnisse der Essaytcchnik ein-geweiht, als Kritiker hervorragend (er war der erste, der Lagardeund Nietzsche in ihrer Bedeutung gewürdigt hat), als Leser ganzunvergleichlich. Er ist der ideale Repräsentant des feinsten Kunst-genusses; was Conrad Fiedler (18411895) in seinenSchriftenüber Kuust" (herausgegeben 1896> lehrte, hat er gelebt: den ver-ständnisvollsten Genuß, die freie und doch selbständig sich be-schränkende Hingabe, die Ergänzung des Künstlers durch deu Kunst-freund, des Kunstwerks durch den Genusz der Betrachtung. Manerschrickt förmlich, wenn man liest, was er einem juugeu Freuudals selbstverständliche Basis humanistischer Belesenheit alles auf-erlegt; und doch meint er, auf das Gelesenhaben komme es nichtan, das ergebe nur Halbbildung aufdas Befreuudetwerden,das Eindringen, Liebgewinnen eines Schriftstellers" komme es an.Man solle nur jede Woche einen Band lesen, aber sorgfältigund nur gute Bücher.Nun bitte ich Sie, giebt's denn viel mehrals fünfzig gute Bücher in der Welt? (ich nehme immer wissen-schaftliche, historische, biographische u. s. w. aus)." Er freilich hattealles Gute gelesen; neben Jakob Burckhardt und Michael Bernays war er wohl der einzige, der alles wirklich kannte, was zur Welt-litteratur gehörte, nicht nur das Älteste, auch das Neueste. Dabeiwar Hillebraud keineswegs ein Jndifferentist, dem es etwa nur aufdie Berühmtheit angekommen wäre. Er hatte einen fehr bestimmtenGeschmack, stellte den alten Roman der Fielding und Goldsmithturmhoch über deu ueuen der Elliot und Zola, und Shakespeare über Goethe; obwohl er auch -diesen noch sehr verehrte und be-hauptete:Ein Goethe, eiu Bismarck wurden nicht nur den größtenTeil ihres Lebens über von ihrer Nation angefeindet, weil sie ihr