616 18S0—1860.
Hand kräftige Charaktere packt, die auch eine Abschwächung durchakademischeres Auftreten noch vertragen, und auch weil die demo-kratische Tendenz (wie bei Brachvogels „Narciß" nnd bei Anzen-grubers „Psarrer von Kirchfeld") ansprach. Aber in jenen zahl-reichen wohlgebildeten Dramen über beliebte Themata („Ludwig derBayer" 1862, „Alkibiades " 1883 u. s. w.) vermag man doch nurden unermüdlichen Eifer in verfehltem Bemühen zu bewundern;lebendig ist hier nichts geworden, wie heiß auch Pygmaliou seinetrefflich modellierte Statue anflehte. Viel wichtiger als diese vonHeyse mit wenig belohnter Arbeitslust unternommenen Versuche sinddie Beiträge zur Theorie uud Kritik, die er fast achtlos mit leichterHand verstreute — überall ein feiner Kenner, ein Meister klarer,knapper Darlegung, und in der Regel auch ein wohlwollenderRichter. Die Einleitungen seiner eleganten Übersetzungen, besondersaus dem Italienischen (den schwierigen Giusti hat er erst für uns 1875erobert; Leopardi ist für den Deutschen nur in seiner Wiedergabe,1878, erträglich), die Begleitworte zum Novellenschatz, aber auchkritische Abhandlungen eigentlicher Art sind in der Form wie imGehalt schwer zu übertreffen. Auch seine frühere Kunstsatire ge-hört hierher, vor allem der köstliche „Letzte Centaur", ein Meister-werk romantisch-phantastischer Ironie, das mit größter Kunst er-zählt, wie das klassische Wundergeschöpf auf Erden so schlecht sährtunter all den Philistern, Pfaffen, Dorfschneidern und Budenbesitzernmit obrigkeitlich zugelassenen Natnrspielen. Einzelheiten dieses Ge-schichtcheus, das selbst ein Wunderwerk ist, halb realistisch, halbmärchenhaft, und überall von größter Naturwahrheit, gehörten fürGottfried Keller zu den größten Triumphen der poetischen Erfin-dung. Und das Ganze mag wohl ein Symbol werden sür HeysesDichtung überhaupt, die „bewundert viel und viel gescholten" eineFremde immer blieb — aber sowohl um ihrer göttlichen Vorzügewie um ihrer „antikisch-eklektischen" Schwächen willen.
Heyse hat starke Wirkungen ausgeübt; aber dennoch hat ernicht, wie mancher Geringere, „Schule gemacht". Das Beste warihm nicht abzulernen; die Mängel waren zu ersichtlich, um Nach-ahmer zu finden. Doch sind zwei Dichter von Talent ohne ihnnicht denkbar, von ihm künstlerisch und persönlich bestimmt: AdolfWilbrandt und Ludwig Fulda .
Adolf Wilbrandt (geb. 24. August 1837 in Rostock) istzwar fast mehr ein jüngerer Bruder Heyses als eigentlich sein