Christian Wagner. — Karl Stielcr.
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Es ist etwas vom Geist des schwäbischen Mysticismus in derGläubigkeit dieses Neuerers; und die phantastische Ausmalung dergoldenen Zukunst verleugnet diesen Erdgeruch so weuig wie gewisseGeschmacklosigkeiten des Ausdrucks. Mechanische Reimereien nebeneinem ergreifend einfachen Bekenntnislied i
Tnnsendmale werd' ich schienen gehen,Wanderer ich so müd nnd lebenssatt;Tansendmale werd' ich auferstehen,Ich Verklärter, in der seligen Stadt, . ,
ein Nebeneinander, wie im pietistischen Kirchenlied. Sinnige Parabelnin körniger Prosa mit originellen Ausdrücken („nicht die Königevon Gottes Gnaden, sondern die Könige von sich selbst") und da-neben schwülstiges Selbstlob in gesuchter Rede — das ist derschwäbische „Eigenbrötler", kein Naturdichter zwar, aber so ganzAutodidakt. Eine merkwürdige und sympathische Erscheinung — inder Zeit der Überknltur wirklich ein Dichter aus dem Volke, dembeim Ackern und Pflügen seine Dichtung aufstieg, nicht, wie derallzuviel gefeierten Johanna Ambrosius , beim Lesen der „Garten-laube" !
Auch Arthur Fitger (geb. 1840 in Delmenhorst ) ist einkampfesfroher Reslexionslyriker, der etwa in seinen „Winternächten"den anthropomorphischen Charakter aller Religion betont („Theo-sophie") und in seinen ebenfalls stark lyrisch gefärbten, doch thea-tralischer Effekte nicht entbehrenden Dramen gegen die offizielleKirche („Die Hexe" 187S) nnd das Fürstentum („Von GottesGnaden" 1883) polemisiert, freilich auch harmlos in leichten Tönenzu singen weiß („Fahrendes Volk " 1875).
Ein Mann des patriotischen Kampfes, ein Idealist, ein Vers-künstler ist auch der treffliche, zu srüh gestorbene Karl Stieler (1842—188S). Aus einer Malersamilie — sein Vater hatte nochGoethe und Beethoven Porträtieren dürfen — ist er in München (IS. Dezember 1842) geboren. Ein echter Altbayer, Franz v. Kobell,ward der Lehrer seiner Dialektpoesie („Bergbleameln" 1865). Stielermacht den Krieg von 1866 mit, reist nach Paris und demNorden; als der große Krieg ausbricht, findet er einen gereiftenMann, einen glühenden Patrioten, der von da an auch politischfür das neue Reich gewirkt hat. Wie Richard Voß begleitet er„Liebesgaben" in das Feindesland und berichtet in elegant ge-schriebenen Stimmungsbildern („Durch Krieg zum Frieden", er-