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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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18601870.

ruhten . ." Gar die lustigen Schclmlieder der Anna würden derTragödie keinen Schaden thnn, noch weniger die prächtige komischeAlte Brigitte. Aber das ist das Schlimme, daß die Katastropheauf eine Jntrige gebaut ist, die nur einen Schwank tragen könnte.Altweiberklatsch wird das Schicksal des Pfarrers, nicht eine innereNotwendigkeit. Auch der Pfarrer selbst ist der Heros nicht, alsden ihn doch der Dichter nimmt; er hat kein Recht, am Schlußsich mit Luther auf dem Wege nach Worms zu vergleichen: er istnur, wie er früher sagte,ein schwacher, aber ehrlicher Mann, dersich selbst aus dem Wege geht". Den zerrissenen Helden derneueren Liebestragödien, einem Johannes Vockerat etwa (in Haupt-manns Einsamen Menschen") steht er näher als dem Heros, demer gleichen soll: hätte der Zufall ihm kein Annerl nnd keinenWurzelsePP in den Weg gelegt, fo hätte er aus allen Fährlich leitenglücklich gerettet werden mögen wie die ehrlichen, aber schwachenMärtyrer derKrenzelschreiber".

Aber nun in demMeineidbauer" (1871)welch unge-heurer Fortschritt! Hier entwickelt sich die ganze furchtbare Kata-strophe folgerecht aus der Sünde des meineidigen Betrügers, wiediese aus seinem Charakter; und der milde Abschluß, der an derLeiche des Verbrechers den unschuldigen Sohn die That sühnenläßt, hat deshalb nichts Gewaltsames, weil dieser Sohn von Anfangan in unversöhnlichem Kampf mit dem Vater stand. Dennoch hatdie Technik auch hier noch Spuren ihres Ursprungs aufzuweisen.Anzengrubcr nimmt es mit dem Zusammenbringen der Figurenetwas leicht und spottet wohl gutmütig selbst darüber, wenn er dieMutter Lies' ausrufen läßt:Hätt's nie denkt, was heut alles untermein' Dach z'sammkäm'!" Gehen wir aber tiefer, so finden wirnicht bloß in dieserloseren Ökonomie" die Art des alten schwank-haften Lokalstücks, sondern recht von Grund aus ist diese Tragödiedem volkstümlichen Schwank verwandt. Hans Sachs hätte sie be-nannt:Wie der Teufel einen meineidigen Bauern prellt." Denndarin liegt die tragische Ironie, daß der fromme Mann, dem äußer-lich alles zum Segen gerät, nunein Mann, den Gott lieb hat" zusein glanbt, und daß dieser Selbstbetrng ihn immer tiefer in dieSünde stößt. Auf seinen Sohn schießt er, damit der sein Geheimnisnicht verrate; und da der Mitwisser von der Brücke stürzt, dadankt der Meineidbauer Gott für die Rettung:Dös is a Schickung,dös muß a Schickung sein. (Kniet an der Martersäule nieder.)