Paul Schlenther und Otto Brahm . 757
sein Hoffen zu dem Optimismus der „Frau vom Meere", ob zudem Pessimismus von „Rosmersholm" trieb. Darin gehört dergraue Meister ganz zu der „neuen Generation": er bant keineSysteme; aber er hat leitende Gedanken. Er sucht; er verlangt.Das vor allem hat ihn bei uns populär gemacht. Wäre er dieautomatische Dramenmaschine, als die man ihn geschildert hat, diealle zwei Jahre pünktlich ein Drama abliefert und sonst sich umnichts in der Welt kümmert — wir fänden keine Brücke zu deinMenschen. Die heiße Sehnsucht, die ihn zu immer neuen Experi-menten treibt — die ist das Modernste an ihm. Was verhilft unszu den „Adelsmenschen"? Unbedingter Individualismus? Rücksichts-loser Wahrheitsfanatismus? Liebe zu den Armen und Schwachen?Er fragt immer wieder; nnd seine letzten Antworten sind diemildesten gewesen und stehen denen Tolstois und Björnsons amnächsten.
Dies Sucheu charakterisiert vor allem auch bei uns dieführenden Geister. Nach einer neuen Kunst suchen sie, einer neuenWahrheit — einer neuen Menschheit. Enthusiasten, zuweilen auchPhantasten, sind sie doch alle zugleich Kritiker — und fast allemacht die Sehnsucht zu Künstlern.
Die Brüder Hart (geb. 1855 und 1859) nannten wir schon.Erfolgreich stehen ihnen die beiden tapfersten Vorkämpfer der neuenRichtung zur Seite: Paul Schlenther (geb. 1854 in Jnsterburg)und Otto Brahm (geb. 1856 in Hamburg ) — beide SchülerScherers, beide von Anfang an vor allem dem Drama zugewandt.Biographien großer Dramatiker zeugen für das liebevoll eingehendeVerständnis Schlenthers („Gerhart Hauptmann" 1896) und Brahms („Heinrich v. Kleist" 1884; „Schiller " 1889, 1892, leider un-vollendet). Mit rastloser Aufmerksamkeit beobachteten sie diewechselnden Erscheinungen des Tages, förderten jüngere Talente inproduktiver Kritik und bewährten an der „Freien Bühne " dieGrundsätze, die sie litterarisch vertraten. So erzogen sie sich zuLeitern der beiden ersten deutschen Bühnen: des Wiener Burg-theaters und des Deutschen Theaters in Berlin . Indem sie be-stimmt und fest die Einbürgerung der neuen Kunst, Ibsens , Anzen-grubers, Hauptmanns verfolgten, konnten sie eine fruchtbare Ein-seitigkeit nicht vermeiden — fruchtbar, weil sie Goethes Wortdienten: „Was aber ist deine Pflicht? die Forderung des Tages!"Schlenther steht den Impressionisten näher, Brahm den Doktrinären;