O. I. Bierbaum. — Reform des Dramns.
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Fast zu bewußt dagegen schritt man zur Reform des Dramas.
Die Theoretiker hatten hier entschieden die Führung. OttoBrahm und Paul Schien ther sind wieder an erster Stellezu nennen. Sie nahmen die Parole auf, die vor fast einem halbenJahrhundert Hermann Hettner ausgegeben hatte: Erneuerung desdeutschen Dramas durch Emanzipation von der alten Traditionund durch Anschluß an volkstümliche Art. Sie kämpften uner-müdlich für Ibsen , der bewußt Hettuers Schüler war, und fürAuzengruber, der unbewußt dessen Forderungen erfüllte. Aber auchdie großen Nachklassiker Kleist und Grillparzer , die großen suchen-den, Theorie und Praxis vereinigenden Vorläufer der neuen Kunst,Friedrich Hebbel und Otto Ludwig , hoben sie aus ihren Schild, und vonausländischen Meistern die beiden großen Psychologen und Techniker,Shakespeare und Moliere. Diese Liste beweist schou, daß sie that-sächlich weitherziger waren als ihr Programm. Sie waren über-zeugt von der inneren Gleichartigkeit aller echten Kunst und ebensosehr von der jeweiligen äußeren Bedingtheit ihrer Formen. ScherersSchüler wandten sie deshalb eine Art von „gegenseitiger Erhellung"auf alte und neue Kunst an, forderten, daß das Ewig-Moderne beiGoethe und Schiller durch realistische Darstellung herausgehobenwürde und daß das Große in neuer Kunst durch kritische Erläute-rungen in seiner Verwandtschaft mit alter Art klargelegt würde.Überall verlangten sie ein offenes Auge für die Wirklichkeit, eineneinheitlichen Stil, eine stolze Verachtung hergebrachter Effekte.
Im wesentlichen stellten sie sich auf den Boden des Illusio-nismus: sie verlangten, der Künstler solle so schaffen, daß seinWerk auf deu Beschauer wie ein Stück realen Lebens wirke. Wasdiese Illusion stören könnte, befehdeten sie: dramaturgische Eigen-heiten wie den Monolog denn man setze nicht so viel ausein-ander, wenn mau allein sei, bühnentechnische wie den Zwischen-vorhang. Dem Vers auf der Bühne standen sie bei aller Ver-ehrung für Goethe und Grillparzer und Kleist — Schiller wurdeusie nicht gerecht — mißtrauisch gegenüber und ließen ihn wenigstensvom Schauspieler gern seiner prangenden Privilegien entkleiden.
Ob dieser Standpunkt des Dramas als gewollter Illusion be-rechtigt oder gar der einzig berechtigte ist, darüber läßt sich streiten.Mir persönlich scheint Goethes Auffassung und die der Alten, daßein Kunstwerk sich als Kunstwerk geben soll, nicht nur ästhetischfruchtbarer, sondern auch im besten Sinne realistischer. Aber in
Meyer, Litteratur. ö2