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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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819
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Arno Holz .

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Als er dasGedenkbuch" (1884) herausgab, sollte esdenBeweis liefern, daß auch in unserer Zeit trotz Pessimismus undMaterialismus das Menschenherz mehr als ein bloßer Muskel ge-blieben ist, und daß vor allem auch unsere Generation jener Tugendkeineswegs ermangelt, deren Fehlen ihr so oft zum Vorwurf ge-macht wird, nämlich der Pietät". Es war jedenfalls gut, den Be-weis vorweg zu liefern; denn aus Holzens späterem Auftretenhätte man das Vorhandensein von Pietät schwer erweisen können!In denModernen Dichtercharakteren" ist er bereits theoretischder radikalste Vertreter derModerne"; seine Gedichte zeichnen sichim übrigen vor denen seiner Mitstrebenden durch keinerlei origi-nelle Eigenart, wie sie etwa der später zur Politik umschwenkendeGradnauer und Henckell zeigen, aus. Man versprach sehr viel;aber zwischen Geschrei und Wolle bestand vorerst noch kein richtigesVerhältnis. Inzwischen suchte Holz eifrig und tapfer dnrch Lesen,Nachdenken, Diskutieren zu neuer Kunst zu gelangen.

Er setzte sich mit Zolas Theorie so energisch auseinander wiemit Goethes Praxis und wußte in dem AufsatzZola als Theo-retiker" (1887, erschienen 1890) das Dogmatische des Franzosen zu-treffend von dem Kritischen zu scheiden. Im Gegensatz zu Taine undZola kam er zu der Überzeugung, das Wesen der Kunst bestehe inder exakten Reproduktion der Natur. Das war längst schon die Mei-nung der skandinavischen Naturalisten, vor allen damalsdie ihres radikalsten Führers, Arne Garborg (geb. 1851). Diesernorwegische Bauerustudent, der sich selbst aus der NachahmungOehlenschlägers und der Romantik erst hatte herausarbeiten müssen,ging rein impressionistisch vor. Er analysierte jeden Gesamtein-druck in eine Reihe Einzeleindrücke und setzte diese dann wie Farben-flecke lose nebeneinander, um so dieselbe Wirkung wieder hervor-zubringen, die diese Impressionen in der Natur hervorgerufen hatten.Er vermied strengstens jede Auswahl: alles sollte mitwirken, dasSchmutzigste und Peinlichste so gut wie das Erfreuliche. AlsSchlußwirkung war immer ein agitatorischer Effekt beabsichtigt, wo-durch denn schließlich doch die radikal-naturalistische Doktrin ihreEinschränkungen erlitt. Garborg war aber außerdem ein Naturkindvon frischer Empfänglichkeit für Naturstimmuugen und wohl imstände, rein gegenständliche Eindrücke durch sympathisches Einfühlenin eine poetische Sphäre zu heben. Das Menschliche dagegen bliebbei ihm immer roh, animalisch selbst im Idealismus.

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