Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
820
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82g 18801890.

In jener Naturempsindung aber besaß Garborg ein Element,das auf Johannes Schlaf (geb. 21. Juni 1862 in Querfurt )stark wirken mußte. Schlaf war von allem Anfang an eine Indi-vidualität auch im litterarischen Sinne, Holz nur eine Persön-lichkeit von wirksamer Energie des Auftretens. Schlaf ist einelyrische Natur. Von seinen dichterischen Jugendversuchen sagt erin dem für ihn bezeichnendsten Buch (In Dingsda" 1892) selbst:Da mußte ich so denken, wie alles Spätere, so sachlich es sichauch gebärdete, im Grunde hier seine tiefen stillen Wurzeln hatte.Alles, mögen sie's benamsen wie sie wollen, ist im Grunde dochein Gedicht, Lyrik." Wenn wir unter Lyrik die künstlerisch durch-gebildete Wiedergabe einesZustandes" verstehen, wie Goethe, sowerden wir in der That den engen Zusammenhang zwischenSchlafs impressionistischer Lyrik und seiner naturalistischen Dramatiknicht verkennen können.

Schlaf ist wirklich, was der rasche Anempfinder Holz nursein möchte: ein moderner Mensch. Ihn erfüllt die große Sehn-sucht, die große Hoffnung unserer Zeit: der lebendige Gedanke aneineschöne freudige Welt der Zukunft, ein neues, starkes, adligesund selbstsicheres Geschlecht, das sich verwandt fühlt über die Erdehin, so weit Menschen leben . .", die Vorstellung einer kommendenZeit voll neuerThaten, Erkenntnisse, Empfindungen". Und dieseHoffnung wurzelt bei ihm, wie bei Nietzsche , nicht in kahlen Er-wägungen über intellektuelle Fortschritte der Menschheit, sondern indem poetischen, weil ihn ganz erfüllenden Gefühl von der Prachtdes Lebens und den unendlichen Keimkräften der Wirklichkeit.Immerwieder brach ein vertrauendes, erschauerndes Erstaunen vor derWelt bei ihm durch, der großen herrlichen Welt, die man nie aus-kennt, nie!" Und so kam er allmählich zu der besten Formulierung,die der Realismus seit Georg Büchner gefunden hat:

Etwas Ganzes, Rundes herausschaffen aus einem gesunden, kräftigenEmpfinden, aus einer umfassenden, sicheren Stimmung Heransgestalten, dieeinen tragt und treibt vom Beginn bis zum Ende. Die Welt wiederzu-geben, wie sie Empfindung und treibendes, quellendes Leben in einemgeworden, ohne zu deuteln und zu urteilen, zu verdammen und zu preisen.Kein kluges, kaltes Beobachten: mit seinem Empfinden aufgehen im Leben,es selbst werden. Farbe sein, Ton, Licht, eigener und fremder Schmerz,eigene und fremde Lust, jede Leidenschaft, wie sie in schlichter, natürlicherKraft sich äußert. Ganz selbst und doch seiner selbst entledigt sein; das istdas Pathos, mit dem einen die Welt erschüttert und sänftigt wie mit einemreligiösen Schauer.