„Die Familie Selicke". 823
Bücher mit alten Mitteln erreicht hatten. Aber jene programma-tische Absichtlichkeit genügte, um einen wilden Federkampf hervorzu-rufen. Die Verfasser ließen später einen Haufen von Kritiken inbnntem Gemisch abdrucken; da sah man denn, daß Kritik undPublikum wirklich noch ebenso unreif waren wie die Autoren.
Noch größeres Entsetzen in weiten Kreisen und noch größerenJubel in engerem Bezirk rief „Die Familie Selicke" (1390) hervor.Auf allen Seiten war man darüber einig, hier sei ein Stück, dasvon dem bisher Üblichen vollkommen abweiche. Theodor Fontane selbst, der Skeptiker, erklärte, hier habe man eigentlichstes Neuland:„hier scheiden sich die Wege, hier trennt sich alt und neu". Weder„Vor Sonnenaufgang" noch Tolstois „Macht der Finsternis " seien,auf ihre Kunstart, Richtung und Technik hin angesehen, neue Stücke;die „Familie Selicke" aber sei eins. . Und der Pseudonyme „Avo-nianus", der in einer „Dramatischen Handwerkslehre" (1895)zeigen wollte, „wie es gemacht wird", entsetzte sich unbändig überdie „bis zur Frechheit rücksichtslose Verleugnung aller technischenRegeln". Und gerade dies, worüber alle Welt mit einem so ori-ginellen „Einzelnen" einig war, kann ich am wenigsten zugeben.
Schwerlich ist es jemals Doktrinären gelungen, wirklich Neueszu schaffen. Das vollbringt der Genius in seinem unbewußtenDränge; aus der Theorie werden keine lebensfähigen Kinder ge-boren. Wenn Gelehrte eine neue Sprache erfinden wollen, wird esnur eine kleinliche Umgestaltung bestehender Sprachen; wennÄsthetiker eine neue Kunstform ausgrübeln, wird es eine Mißgeburtvon alten Eltern. Die Brüder Goncourt behaupteten, für ihren„roiuaii a 6oeairiknts" eine ganz neue Technik erfunden zu haben;ich konnte nachweisen, daß sie lediglich die Technik des uraltenhistorischen Romans auf moderne Stoffe übertragen haben. Vonda stammen die eingeflochtenen „Belege" aus der Wirklichkeit sogut wie die ganze Art, wie eine typische Figur in typische Erlebnissehineingestenert wird. Fast ganz so steht es mit dem naturalistischenDrama von Holz und Schlaf. Die Verfasser haben ganz einfach.die alte Technik des Lokalstücks für einen tragischen Stoff benutzt.„Es war", sagt Arno Holz in seinem Vaterstolz, „als wenn manaus dem Fenster in die Wirklichkeit blickte." Wir geben dietäuschende Wiedergabe der Realität zu, finden sie aber bei Goldoni,bei Niebergall, selbst in den besseren Stücken von Malß genau sotäuschend. Daß statt der komischen Scenen tief traurige vorgeführt