g92 1890—1899.
Doch auch Theater und Lesewelt versagen sich immer wenigerden neuen Tendenzen. Wie mühsam gelangte selbst Anzeugruberzu Aufführungen! Heute haben die jungen Dramatiker keine Not.An wirklichen Talenten fehlt es da nicht, die fast durchweg diepsychologische Erfassung und die realistische Sprache der Haupt-mann-Schüler mit einer größeren Weichheit verbinden. An ersterStelle stehen der Norddeutsche Halbe und der Österreicher Schnitzler.
Max Halbe (geb. 1865 in Guettland in Westpreußen ) beherrschtmeisterlich die Lokalfarbe seiner altprenßischen Heimat, die übrigens,wie Bartels bemerkt, in der neuesten Litteratur besonders wirksamvertreten ist; wir erinnern nur noch an Sudermann. Der alteGeistliche in der „Jugend" (1893), der Rittergutsbesitzer iu „MutterErde" (1898) haben die volle sichere Gegenwart, die Goethe alsTriumph der antiken und jeder echten Kunst ansab Die Atmo-sphäre des ganzen Stücks ist jedesmal einheitlich und vou großerFeinheit der Wiedergabe: der Hauch jugendlich-täppischer Liebe liegtüber seinem berühmtesten Drama, dumpfe ungelüstete Stubcnatmo-sphäre mischt sich mit einem frischen Lufthauch von Äckern undFeldern in „Mutter Erde"; der seltsam parfümierte Duustkreis derPensionen ist fast bis in die einzelnen Reden der „Heimatlosen"(1899) zu verspüren. Aber Halbe bleibt immer in der Znstands-malerei stecken, so sehr, daß der Schluß fast immer gewaltsam, zu-fällig, aufgedruugcu ist, zumeist ein hysterischer Selbstmord („MutterErde", „Die Heimatlosen") oder ein Unglück („Jugend"). Die Haupt-figuren sind bei ihm fast nur passive Prüssteine für die Verhältnisse,bald uninteressant und konventionell, wie die „Suchende" aus derKleinstadt, die von der Großstadt verschlungen wird, und der brutal-gesunde Lebenskünstler in dem letzten Drama, bald voller Wider-sprüche nicht im Charakter, sondern iu der Zeichnung, wie die ganzauseinanderfallende Emancipierte in „Mutter Erde". Das ge-fährliche Hilfsmittel symbolischer Naturerscheinungen nnd ähnlicherSinnbilder wandte er anfangs, etwa wie Spielhagen in der„Sturmflut", mit entschiedenem Glück („Eisgang" 1892), später(„Lebenswende" 1896) mit zu gesuchter Deutlichkeit an. Wo eraus dem Gebiet der realistisch geschilderten Gegenwart entweichenwill, versagt seine Kunst („Der Eroberer" 1899), ebenso im leichtenScherzspiel („Der Amerikafahrer" 1894); dagegen hat er in einerDorfgeschichte, die die ganz naturalistisch aufgefaßten Gestalten inZolas Art zu fast allegorischen Figuren von mystischer Größe auf-