Druckschrift 
Albert Ballin / Bernhard Huldermann
Entstehung
Seite
340
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Z4O

genommene Vergleich richtig wäre, dann kämen wir allerdings mit demKriege nicht eher zu Ende, als bis eine Partei nichts mehr einzusehenhat. Dann würde also das finanzielle Durchholten zusammen mit derFrage der Erschöpfung der Kriegsmannschaft erst den Ausschlag geben.

Die finanzielle Lage sehen die Bankiers natürlich sehr ernst an,während die Bevölkerung trotz der ungeheuren Teuerung, die hierherrscht, und trotz des viel erheblicher in die Erscheinung tretendenMangels an manchen Lebensmitteln, die Lage viel sorgloser betrachtet.Das ist natürlich der lebensfreudigere Charakter des Österreichers, dersich einfach sagt: Man lebt nur so kurz, und so lang ist man tot, undder sehr geneigt ist. den Enkeln die Sorgen zu überlassen, deren Be-seitigung ihm das Dasein verdunkeln würde.

Die gegenwärtige Regierung hält man für schwach und mittel-mäßig. Der alte Kaiser hält den Grafen Slürgkh, weil er mit demberühmten § 14, der das Parlament völlig ausschaltet und der Regie-rung die Bewegungsfreiheit sichert, so gleichmütig wirtschaftet, undTisza, der Allvcrmögende, stützt ihn eben seiner Schwäche wegen.Man hält deshalb die Aufgabe, an die Stelle von Ltürgkh den jetzigenMinister des Innern Prinzen Konrad Hohenlohe zu setzen, für rechtschwierig, weil der alte Kaiser einen Konflikt mit Tisza vermieden zusehen wünscht, und man ist darüber sehr unglücklich denn die Feind-schaft zwischen Österreich und Ungarn hat sich seit meiner letzten An-wesenheit hier sehr vertieft, während das Gefühl für Deutschland sichaußerordentlich gehoben hat.

Unser Kaiser genießt eine beispiellose Verehrung. 2n wenigenTagen findet eine Huldigungsfeier für unseren Kaiser hier statt, zuwelcher, trotzdem die Einlaßkarten mit enormen Preisen bezahlt wurden,wie mir gestern abend der Chef der Landesverteidigung, General vonGeorgs sagte, es auch ihm nicht möglich gewesen, trotz aller Protek-tionen noch eine Loge zu erhalten. Dabei hat mir heute morgen dasbekannte Mitglied des Hosburg-Theaters, Georg Reimers , die beidenGedichte zitiert, die, unserem Kaiser gewidmet, von ihm an jenem