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Die Lage der Hausweber im Weilerthal / von Karl Kaerger
Entstehung
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ÜIE LEBENSHALTUNG.

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Maurer bei einer Hausreparatur in die Schlafkammer ge-bracht, ein ganzes Jahr lang dort liegen lässt, wenn Anderees auszuhalten vermögen in einem total durchräuchertenZimmer zu vegetircu, ohne daran zu denken, diesem Uebel-stande durch eine geringfügige Reparatur des Ofens abzu-helfen, wenn Andere in ihrer Kammer Monate lang Dreck,Stroh, Lumpen, Pfriemen, Sand und dergleichen herumliegenlassen, so kann man mit ziemlicher Sicherheit darauf schliessen,dass hier Leute wohnen, denen es vollkommen gleich-gültig ist, in welcher Umgebung sie ihr Jammerleben hin-schleppen.

Solche Beobachtungen und Erwägungen waren es,welche in mir die "Vorstellungen von der durchschnittlichenArmutli oder "Wohlhabenheit eines Dorfes begründet haben,Vorstellungen, welche durch Eruirung anderweitiger that-sächlicher Verhältnisse und Befragung ortskundiger Leuteauch zum grössten Theil ihre Bestätigung erhielten.

B. NAHRUNG, KLEIDUNG, SITTLICHKEIT UND GESUNDHEIT.

Auch bezüglich der Nahrung lassen sich ungefähr dreiStufen unterscheiden, welche hier mit der verschiedenen Ver-mögenslage so ziemlich parallel gehen. Die wohlhabendstenLeute essen täglich mit Ausnahme der Fasttage geräuchertesSchweinefleisch und des Sonntags einen vom Fleischer ge-holten Braten. Wie die Leute das übrigens aushalten, jahr-aus, jahrein, Tag für Tag dieses magere, faserige, bis zurKnochenhärte zähe Fleisch zu essen, ist mir unverständlich.Ich selbst habe die sechs Wochen lang dasselbe des Mittagsessen müssen, gestehe aber, dass ich es schliesslich nichtmehr aushielt, und es vorzog, mir selbst in der Küche einigeEierspeisen zurecht zu machen. Doch wie wunderbar sichder Geschmack des Menschen selbst an die schrecklichsteSpeise gewöhnt, zeigte mir die Aeusserung eines Gemeinde-boten, der in Hannover gedient hatte, und behauptete, dassdas Weilerthaler Schweinefleisch ihm hundertmal besserschmecke, als das saftige Fleisch der norddeutschen Ebene,