Gaiß im Kanton Appenzell, den 25. Dez.Anſtatt einen ſtillen Feſttag feyern zu koͤnnen, arbeitet faſt jedermann mit vol-ler Thaͤtigkeit, um zerſtoͤrte Haͤuſer und Scheunen nur einigermaſſen einſtweilenauszubeſſern. Schon einige Tage hatten wir heftigen Suͤdwind, der aber geſtern,am heil. Abend, ſich zu einem Sturmwind erhob; und vergangene Nacht wuͤthetederſelbe bis Morgens um 4 Uhr mit einer ſolchen beyſpielloſen, außerordentlichenHeftigkeit, daß die aͤlteſten Leute ſich keines aͤhnlichenzu erinnern wiſſen, es war eineNacht des Schreckens und des Jammers. Wenige Haͤuſer dieſer großen Gemeindeſind noch ganz unbeſchaͤdigt; die Plaͤtze vor den Haͤuſern ſind mit Ziegeln uͤberdeckt;ſehr viele ganze und halbe Daͤcher, beſonders in den Bezirken Rietle, Schachen,Rothenwies und Zwislen wurden weggeriſſen; zur Rettung ihres eigenen Lebenswaren viele bedacht; Scheunen und Staͤdel ſind die Menge zerſtoͤrt, und leider trafdieſes Ungluͤck auch viele Arme; Daͤcher und Blitzableiter im Dorf ſelbſt muͤſſenalle ausgebeſſert werden; und ganze Strecken von Waldungen ſind durch des Or-kans Gewalt zerſtoͤrt. So wie wir vernehmen, ſoll auch in den benachbaͤrten Ge-meinden Buͤhler und Appenzell großer Schaden entſtanden ſeyn, ſo wie der Scha-den in unſerer Gemeinde ſelbſt ſehr groß iſt. Zu bemerken iſt auch noch, daß derBarometer noch nie ſo tief ſtand und bis der Sturm ſich zur aͤußerſten Heftigkeiterhob, immer tiefer fiel. Das Medium deſſelben iſt ſonſt in der hieſigen Gegendgewoͤhnlich 24 Zoll und 9 Linien, da wir 2000 Fuß uͤber dem Bodenſee liegen; nunſank aber derſelbe bis auf 23 Zoll und 10 Linien; und das Thermometer nach Reau-mur zeigte 4 Grad ob dem Gefrierpunkt, heute Morgen fiel es aber unter Schnee-geſtoͤber bis 2 Grad ob Glace. Wenn die eingeſtoßenen Kirchenfenſter einigermaſſenausgebeſſert ſind, ſo halten wir, will's Gott! morgen Gottesdienſt, und ſtatt heu-te kuͤnftigen Sonntag Kommuniontag.Altſtaͤdten im Rheinthal, den 25. Dez.Schon Abends 6 Uhr(am 24.), als ich mich Altſtaͤdten naͤherte, hoͤrte ich dieTrommel ruͤhren, als Ermahnung zu Wachſamkeit vor Feuersgefahr. Der Windwar bereits heftig, und immer heftiger ward er bis gegen 11 Uhr. Da ward erzum Orkan, vielleicht weniger fuͤrchterlich als in den weſtindiſchen Inſeln; aber,ſtaͤrker als ſeit Menſchengedenken; darum nicht minder uͤberraſchend fuͤr die Be-wohner dieſer Gegend. Bis gegen 4 Uhr Morgens erfolgten Stoͤße auf Stoͤße.Die Fenſter klirrten. Auf den Gaſſen klipperte es. Ziegel wurden die Mengeherunter geworfen. Die Haͤuſer wackelten. Wer im Bette war, der befand ſichdarinn wie in einer Wiege. Die feſteſten Haͤuſer allein moͤgen hierinn eine Aus-nahme gemacht haben. Das Getoͤſe auf den Gaſſen glich einem ſtuͤrmiſchen An-marſch ſchwerer Reiterey. Heruntergeriſſene Bretter, Balken, geſchleuderte Steineund Ziegel quaͤlten in ihrem ſteten Fallen das matte Ohr. Schlaf zu fuchen warvergebens. Auch der Ermuͤdetſte konnte ſich deſſen nicht freuen. In allen Haͤuſernwar Licht bis des Morgens. Bang erwartete Jedermann das Ende dieſer Natur-graͤuel. Der Tag, aber ein finſterer, brach an. Um 8 3ſ4 Uhr brannte man beymkatholiſchen Gottesdienſte noch Lichter auf dem Chor. Ein heftiger Regen war demSturme gefolgt. Das Barometer ſtand ungewoͤhnlich niedrig. Jetzt kroch jederauf ſein Dach, und flickte die Loͤcher aus, und gluͤcklich, wer auszuflicken hat. Man-chem armen Bauern ward die Decke ſeines Hauſes uͤber dem Kopfe hinweg geſchleu-dert. Es fehlt, wenigſtens augenblicklich, an Ziegeln. Die einzelnen Fuhren,die ich hin und wieder durch die Gaſſen wandernd erblickte, moͤgen nicht hingereichthaben. Doch dieß Alles wird weniger weh thun, als die Zerſtoͤrung in Wald undFeld.— Am ſchlimmſten traf es die Gegend von der Forſtkapelle bis hinter Eich-berg. Ein Theil des feſten Daches der Kapelle ſelbſt ward abgeworfen. StarkeBaͤume wurden mit den Wurzeln losgeriſſen und umgeſtuͤrtzt; aͤltere und ſchwachedrehte der Sturm aus einander, wie Ruthen, in gekruͤmmte Splitter. Ein Wald,
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(2.1.1822) 2 Augsburgische Ordinari Postzeitung
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