7
•sofern es einzigartig, somit verschieden von dem Verhalten jedes anderenGeschöpfes im Kosmos ist.
Dieser Weg ist in gerader Richtung ein bißchen steil und steinig. Um denLeser nicht abzuschrecken, werde ich ihn auf einem bequemen Umwege einStück in die Höhe geleiten. Ich werde eine Anekdote erzählen und an ihrverdeutlichen, um was es sich handelt.
Als der bekannte Theologe Neander nach Berlin berufen war, besorgteihm sein Freund Schleiermacher eine Wohnung, dicht bei der Universität,in der Dorotheenstraße. Am Tage der ersten Vorlesung Neanders holte ihnSchleiermacher eine Stunde vor deren Beginn ab, um ihn auf einem Umwegein die Universität zu geleiten und ihm bei dieser Gelegenheit ein Stück Berlin zu zeigen. Er führte den Kollegen also die Dorotheenstraße hinunter, zumBrandenburger Tor hinaus, am Saume des Tiergartens entlang, zum Pots-damer Tor wieder hinein, bis zur Wilhelmstraße, dann diese nordwärts biszur Straße Unter den Linden , endlich diese rechts hinunter, bis zur Uni-versität. Sie kamen gerade zum Beginn der Vorlesung zurecht, denn derSpaziergang hatte, da sie langsam gegangen waren, ein knappes Stündchengedauert. Nach diesem Tage vergingen mehrere Wochen, ehe sich die beidenFreunde wieder trafen. Da erkundigte sich dann Schleiermacher bei Ne-ander, wie er sich eingelebt habe, und insbesondere wie ihm die Wohnunggefalle, für die sich sein Kollege ja verantwortlich fühlte, da er sie ihmbesorgt hatte. Alles, anwortete Neander, habe sich zum Besten gestaltet,auch die Wohnung sei sehr angenehm, nur — ein bißchen weit von derUniversität entfernt. Zu weit von der Universität entfernt, wunderte sichSchleiermacher . Ja, meinte Neander: fast eine Stunde sei doch ein etwasweiter Weg... Es stellte sich heraus, daß Neander, um zur Universität zugelangen, immer wieder den Umweg gemacht hatte, den ihn Schleiermacher am ersten Tage geführt hatte, während der gerade Weg ihn in knapp10 Minuten zum Ziele geführt hätte.
Wir lachen. Warum? Wegen des Kontrastes zwischen der höchstenGeistigkeit und des un-menschlichen, nämlich tierischen Verhaltens desgelehrten Professors. Neander hat gehandelt, wie ein intelligenter Polizei-hund sich benommen hätte, den man auf die Fährte eines Verbrechers führt-
Wie hätte der berühmte Mann handeln müssen, wenn er als Mensch ge-handelt hätte? Entweder: er hätte sich einen Stadt-Plan von Berlin ver-schaffen und auf ihm den kürzesten Weg feststellen müssen, oder: er hätteseinen Hausmeister fragen können und der hätte ihm geantwortet: „gehenSie hier rechts herunter, biegen Sie dann in die Universitätsstraße ein, dannsehen Sie nach ein paar hundert Schritten links ein großes Gebäude liegen:das ist die Universität.“ Warum kann das intelligenteste Tier, sagen wir der