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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Polizeihund Rin-Tin-Tin oder der Schimpanse Sultan oder ein kluger Ele-fant nicht so handeln?

Zunächst, weil es überhaupt nichthandeln, d. h. einen Entschluß fassenund zur Ausführung bringen kann. Im einzelnen, weil kein Tier sich nacheinem Plan orientieren kann; weil es aber auch das zweite Verfahren nichtanwenden kann; es kann nicht fragen, es kann nicht lesen; es verstehtkeinen Hinweis: rechts, links, um die Ecke; es weiß nichts von derBedeutung eines Wortes, wie Straße oder hundert Schritte oder Universität.Niemals kann ich ein Tier an einen Ort schicken, an dem es noch nichtgewesen ist.

Was bedeutet das? Welche Gegensätze zwischen Mensch und Tier stehenhier in Frage? Wir pflegen zu sagen: Der Mensch handelt nach Zwecken,und wenn es sich um mehrere Zwecke handelt, die sich zu einer sinnvollenEinheit zusammenschließen, nach einem Plane; das Tier folgt seinemInstinkt. Das wiederum heißt, in noch grundsätzlicherer Betrachtung: DerMensch steht außerhalb, neben, hinter der Natur und führt sich selbst; dasTier steht in der Natur und wird von ihr geführt, es bildet einen Teil derNatur und ihresPlanes, den es bewußtlos ausführen muß. Dieser Gedankeder Gegenüberstellung des naturfreien Menschen und des naturgebundenenTieres ist heute allgemein bei allen denen, die endlich, nach langer Nacht,wieder Einsicht gewonnen haben in das Wesen des Menschen.

Das ist in klassischer Form bereits von Schiller ausgesprochen worden,der sich in seinem herrlichen AufsatzUeber Anmut und Würde wie folgtüber diesen Punkt ausläßt:Der Ring der Notwendigkeit geht durch dasTier wie durch die Pflanze, ohne durch eine Person unterbrochen zuwerden. Die Individualität seines Daseins ist nur die besondere Vorstellungeines allgemeinen Naturbegriffes; die Eigentümlichkeit seines gegenwärtigenZustandes bloß Beispiel einer Ausführung des Naturzwecks unter bestimm-ten Naturbedingungen... Bei dem Tiere und der Pflanze gibt die Naturnicht bloß die Bestimmung an, sondern führt sie auch allein aus. DemMenschen aber gibt sie bloß die Bestimmung und überläßt ihm selbst dieErfüllung derselben.

Dies allein macht ihn zum Menschen.

Der Mensch allein hat als Person unter allen bekannten Wesen das Vor-recht, in den Ring der Notwendigkeit, der für bloße Naturwesen unzerreiß-bar ist, durch seinen Willen zu greifen und eine ganz frische Reihe von Er-scheinungen in sich selbst anzufangen. Der Akt, durch den er dieses wirkt,heißt vorzugsweise eine Handlung und diejenigen seiner Verrichtungen, dieaus einer solchen Handlung herfließen, ausschließungsweise seine Taten.Er kann also, daß er eine Person ist, bloß durch seine Taten beweisen.