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Die Bildung des Tieres drückt nicht nur den BegriS seiner Bestimmung,sondern auch das Verhältnis seines gegenwärtigen Zustandes zu dieser Be-stimmung aus. Da nun bei dem Tier die Natur die Bestimmung zugleichgibt und erfüllt, so kann die Bildung des Tieres nie etwas anderes als dasWerk der Natur ausdrücken.“
Betrachten wir diesen Unterschied zwischen menschlichem und tierischemVerhalten genauer und prägen wir uns den grundhaften Gegensatz, dieWesensverschiedenheit, die Unüberbrückbarkeit der beiden Verhaltungs-weisen tiefer ein: Hier schon wird eine Entscheidungsschlacht geschlagen.
Wir stellten fest: Der Mensch handelt zweckhaft, das Tier instinktmäßig.Was das heißt, gilt es genauer zu verstehen. Beginnen wir unsere Betrach-tung bei dem Tiere.
Der „Instinkt der Tiere“, über den ganze Bibliotheken geschriebensind, ist wie Baron Uexküll richtig bemerkt 4 ), ein „Verlegenheitserzeugnis“,das herhalten muß, wenn man die überindividuellen Natur-Pläne leugnet.Wir brauchen diese Planmäßigkeit der Natur gar nicht in einem tieferenmetaphysischen Sinne zu fassen, sondern können uns begnügen mit der Er-fahrungsfeststellung, daß die Natur „nach ewigen (?), ehernen, unabänder-lichen Gesetzen ihre Daseinskreise vollendet“ und daß das Tier in diesen„gesetzmäßigen“ Ablauf des Naturgeschehens eingeordnet ist: „animal nonagit sed agitur“.
„Das Tier handelt nicht frei aus sich selbst, sondern es wird mit Natur-notwendigkeit getrieben zu dem, was es tut. Sei es auch noch so gescheitoder geschickt, noch so anscheinend vernünftig oder genial: was sie tun,alle ihrem Geschlechte oder ihrer Gattung eigentümlichen Verrichtungengeschehen von Seiten der Tiere infolge physischer Notwendigkeit, durcheinförmigen, blinden und unfehlbaren Eindruck“. 5 )
Ein Mißbrauch des Wortes „Instinkt“ ist es, wenn man es auf mensch-liche Verhältnisse anwendet und von einem „sozialen“ Instinkt, auf demNächstenliebe und Humanität beruhen sollen, oder einem kosmischenoder religiösen Instinkt spricht. 6 )
Das Tier folgt zwangsläufig einer vis a tergo, die es „stößt“, „treibt“,„drängt“: es hat einen „Drang“, es steht unter den Kategorien des „weil“,„infolgedessen“, „darum“.
Die törichten Menschen des 19. Jahrhunderts haben diesen klaren Sach-verhalt verkannt und haben den Tieren Kategorien des „um zu“, des„damit“, des „auf dass“ angedichtet. Etwa in den unsinnigen Konstruk-tionen des sog. Bienen- oder Ameisen„staates“. Da gibt es „Königinnen“mit einem „Hofstaate“; da gibt es „Wächter“, die am Eingänge desStockes stehen, „um“ — nach Polizistenart — Fremde abzuwehren (auf-