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Willen nicht bindet, nicht mediatisiert gleichsam, geht aus der Tatsachehervor, daß wir auch gegen die Natur handeln können. (Ein einziger Selbst-mord würde genügen, um das zu beweisen.)
Der Streit, ob der menschliche Wille von Gott bestimmt und voraus-bestimmt sei oder nicht, hat bekanntlich die Anhänger des Christentums seitseinen Anfängen in zwei (oder drei) Lager: Augustiner — Pelagianer —Gkkasionalisten gespalten. Die philosophische Seite des Problems scheint miram klarsten herausgestellt von Schopenhauer , der mit großer Ent-schiedenheit für Augustinus und Luther eintritt und sich mit aller Schärfegegen die „Plattheiten des Pelagius“ wendet. Er erblickt in dem „Pelagiani-schen Hausmannverstande“ den heutigen „Rationalismus“. 12 )
Sicher entsprach der Pelagianismus dem Aufklärungs- und Perfektibilitäts-drange des 18. Jahrhunderts. Die historische Bedeutung des Streites ist mitgroßer Ausführlichkeit und Sachkunde dargestellt worden von R. Fülop-M i 11 e r in seinem großen Werke: Macht und Geheimnis der Jesuiten, (1929).
Hier geht uns der ganze Streit nichts an.
Bemerkt muß noch werden, daß unsere Erkenntnisweise eine im Grundeverschiedene ist, je nachdem es sich um die Einsicht in den Zweckzusam-menhang der ausgeführten (oder geplanten) Tat oder um die subjektivenBeweggründe handelt, die den einzelnen zu dieser Tat geführt haben: Beider Aufdeckung des Motivs, das unmittelbar zur Handlung geführt hat(nennen wir es Motiv ersten Grades), bewegen wir uns immer in der Sphäredes phänomenologischen Verstehens; die Beweggründe, die zur Fassung desletzten Entschlusses Anlaß boten (nennen wir sie Motive höheren Grades),lassen sich häufig nur erraten, ertasten, erfühlen, weil sie aus dem Bereicheder rationalen Überlegung auf der Treppe der Tiefenpsychologie in diedunkeln Gebiete des menschlichen Gefühls- und Trieblebens, in die Kata-komben und Kloaken der menschlichen Seele (Psychoanalyse!), ins Fabel-reich des „Unbewußten“ hinabführen, wo kein Licht der Ratio mehr leuchtet,wo wir nichts mehr „verstehen“, sondern nur Regelmäßigkeiten registrierenund ordnen können (wie bei aller Naturerkenntnis).
Was ich mit der Unterscheidung von Motiven ersten Grades (oder Motivschlechthin) und solchen höheren Grades (oder Beweggründen) im Sinn habe,verdeutliche ein Beispiel: An den Ideen des Jahres 709 ab urbe conditafaßten 23 Jünglinge den Entschluß, Cäsar zu töten. Dieses Motiv liegt klarzu Tage: Wir verstehen den Zusammenhang zwischen Mittel und Zweck:Tötung und Beseitigung des großen Mannes, vollständig, restlos. Ganz ein-anderes Problem enthüllt die Frage: Was hat jeden der 23 Jünglinge be-. wogen, die Tat auszuführen. Wahrscheinlich hat jeder von ihnen einenanderen Beweggrund gehabt.