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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Unübersehbare Literatur! Siehe die Lexika.

Aber vielleicht die wesentlichste Eigenschaft des Menschen, die alleanderen bedingt und ermöglicht, ist

3. Die Fähigkeit der Abstraktion, also der Begriffsbildung. Über sie undihre grundlegende Bedeutung hat wohl Schopenhauer Endgültigesgesagt. Er nennt die fragliche Fähigkeit Vernunft und stellt sie dem Ver-stände gegenüber. Andere verwenden die beiden Worte in einem anderen,ja entgegengesetzten Sinne. Die Benennung ist natürlich völlig belanglos.Es genügt, daß wir die verschiedenen Begriffe als solche richtig erfassen.Worum es sich handelt, ist die Unterscheidung zwischen dem diskursivenund dem intuitiven Vermögen, die schon Picus de Mirandula inseinem Buche: de imaginatione c. 11 richtig getroffen hat. Die beiden Ver-mögen unterscheiden Mensch und Tier.Die Tiere haben... anschaulicheaber keine abstrakte Erkenntnis: sie appreliendieren richtig, fassen auch denunmittelbaren Kausalzusammenhang auf... jedoch denken sie eigentlichnicht. Denn ihnen mangeln die Begriffe, das heißt die abstrakten Vorstel-lungen. Man kann es auch so ausdrücken: erst im Bewußtsein des Men-schen trennen sich Erkennen und Handeln. Abstraktion beruht aber auf dergewaltsamen Sprengung des natürlichen Anschauungsbildes. Der Menschtritt mit seiner zerlegenden und auswählenden (abstrahierenden) Tätigkeitaus dem Rahmen des natürlichen Anschauens heraus. Der Begriff ist nichtmehr anschaulich.

Der Einfluß dieser (Abstraktionsfähigkeit) auf unser ganzes Dasein istso durchgreifend und bedeutend, daß er uns zu den Tieren gewissermaßenin das Verhältnis setzt, welches die sehenden Tiere zu den augenlosenhaben... Das Wichtigste: die Tiere sind durch den Mangel der Begriffeauf die ihnen in der Zeit unmittelbar gegenwärtigen anschaulichen Vorstel-lungen, das ist die realen Objekte, beschränkt: das Leben der Tiere ist einefortgesetzte Gegenwart. Das Tier lebt dahin ohne Besinnung und geht stetsganz in der Gegenwart auf. Wir hingegen, vermöge der Erkenntnis in ab-stracto, umfassen, neben der engeren, wirklichen Gegenwart, noch die ganzeVergangenheit und Zukunft: wir übersehen das Leben frei nach allen Seiten,weit hinaus über die Gegenwart und Wirklichkeit; wir leben fast ausschließ-lich in Vergangenheit und Zukunft, fast gar nicht in der Gegenwart.

Zweites Kapitel: Der GeistI

Es entsteht die Frage: ob sich alles das, was den Menschen zum Menschenmacht und ihn von aller Kreatur, auch vom Tier, unterscheidet, mit einem