tot, wenn er von der menschlichen Seele getrennt ist. Die Gegensätze deckensich also, bis zu einem gewissen Grade, mit dem oben angeführten Gegensatzzwischen subjektivem und objektivem Geist. Doch nicht ganz: es gibt auchnoch einen anderen Gegensatz zwischen lebendigem und totem Geist, wennwir nämlich lebendig denjenigen Geist nennen, den die Person noch be-herrscht, durchdringt, „belebt“, tot aber den Geist dort, wo er die Persön-lichkeit unterjocht, versklavt, vernichtet. So herrscht lebendiger Geist ineinem Handwerksbetrieb, toter in einer modernen Fabrik; toter Geist imZopfstil, lebendiger im Sturm und Drang ; toter Geist beherrscht die DichtungGottscheds , lebendiger die Goethes. Hier berührt sich der Gegensatz mitdem oben besprochenen zwischen beseelendem und entseelendem Geist.
III
Wegen dieser Gegensätze im Geiste erscheint er uns in jeder Gestalt.Alles: das Schrecklichste und das Herrlichste, das Gemeinste und dasEdelste, das Göttlichste und das Teuflischste ist Geist.
Alle hauchzarten Liebessänge und jeder gemeinste Gassenhauer in derMatrosenkneipe sind Geist.
„Der Du von dem Himmel bist...“
„Füllest wieder Busch und Tal...“
„Sagt es niemand, nur den Weisen.“ ...
Jedes Adagio von Beethoven ; jeder Pinselstrich Rembrandts — alles ist Geist.Was sonst? Ebenso wie jedes Motorrad und jeder Radioapparat und jedeSchwefelsäurefabrik und jede leere Zigarettenschachtel.
Auch die ursprünglichen Werke der Menschen, die träumend mit der?Landschaft verbunden waren — waren doch Geist!
Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß der Geist dem mensch-lichen Dasein wesensnotwendig zugehört, daß menschliches Dasein ohneGeist nicht gedacht werden kann. Menschendasein ist in jedem AugenblickeDasein im Geiste. Kein Mensch ohne Geist, kein Gedanke, kein Gefühl, keinHandeln ohne Geist. Der Mensch ist in den Geist eingesponnen. Wirkönnen von einer Allgegenwart oder Ubiquität des Geistes im menschlichenDasein sprechen.
Deshalb können wir auch den Geist als Ganzes nicht anders werten alsindem wir das menschliche Dasein selbst werten; sagen wir: der Geist ist einUnsegen, so heißt das nichts anderes als dieses: daß das menschliche Daseinseinem innersten Wesen nach ein Jammer ist.
Das menschliche Leben befreit vom Geiste wünschen, ist ein Unbegriff.Kein Mensch ohne Seele, aber auch kein Mensch ohne Geist. Die Seelen-