Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
24
Einzelbild herunterladen
 

tritt. Dieses besondere Leben bildet den Organismus. Auch der Menschist also ein Organismus; also (in der klassischen BegriffsbestimmungKants): ein Gebilde, dessen Teile nicht nur um des Ganzen, sondern ebensoum ihrer selbst willen da sind.Stehen die Mittel zum Zweck in diesem.Verhältnis, daß der Zweck nicht ihnen äußerlich, sondern ihr immanenterZweck ist, so daß der Zweck sich nicht durch sie, sondern in ihnenrealisert, so finden wir das Wort Mittel nicht hinreichend, sonderngebrauchen das Wort Organ oder auch Glied. Unter einem Organversteht man also ein solches, das zur Verwirklichung eines Zweckesdient, der zugleich seine Bestimmung ist, so daß der Zweck nicht aufKosten, sondern zum Besten des Organs verwirklicht wird. Ein Systemvon Organen, welche alle zusammen einen immanenten Zweck haben, einesolche gegliederte Totalität nennen wir einen0 r g a n i s m u s.

Den Organismus des Menschen nennen wir seinen Leib, der zugleich seineSeele ist:mein Leib ist meine Seele. Diesen Gedanken hat Aristo-teles mit seiner Idee der Entelechie zu voller Klarheit erhoben, womitdenn dasLeib-Seele-Problem endgültig gelöst war (das dann mehr denn2000 Jahre die Philosophie- und zumal die Psychologiebeilissenen unnützer-weise beschäftigt hat). Die Seele ist nach Aristoteles (und in Wahrheit)nichts anderes als die innere Bestimmung, der innere Zweck des Organismus.Das vitale Zentrum des Daseins, das dasIndividuum konstituiert. Leibund Seele sind Wechselbegriffe,Correlata 21 ).

Das wußte man alles sehr gut, ehe das 19. Jahrhundert dieses Wissen zer-störte. In einer der vortrefflichen Anthropologien aus dem Anfang desdunklen Jahrhunderts lesen wir die beherzigenswerten Worte:Man hat ausder ursprünglich notwendigen Vorstellung eines Doppellebens in uns undan uns, den Schluß gemacht, daß der Mensch aus zwei Teilen besteht, aus.Leib und Seele zusammengesetzt sei. Aber nur Menschenwerke sind zusam-mengesetzt; lebendige Wesen gehen aus ursprünglicher Einheit hervor. Dasursprüngliche Eine der Idee nach, der Mensch lebt nur in der Erscheinungs-welt als ein Amphibion: dasselbe Leben geht im Raum als lebendige Gestalt,,in der Zeit als lebendige Seele hervor. Der Mensch ist ebensowenig ausLeib und Seele zusammengesetzt, als das Licht aus Farben 22 )... DieseWahrheit war es ja auch, die Goethe nicht müde wurde, zu verkündigen.

Eine wichtige Einsicht, die das Leben betrifft, ist dann die: daß zwischenihm und der toten Natur eine unüberbrückbare Kluft sich auftut. Hier hatnun wieder Schopenhauer das letzte Wort gesprochen, wenn erschreibt:Seit Anfang dieses Jahrhunderts hat man gar oft dem Unorgani-schen ein Leben beilegen wollen: sehr fälschlich. Lebendig und organischsind Wechselbegriffe: auch hört mit dem Tode das Organische auf, organisch