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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Leben: der geistige Akt, sofern er Tätigkeit beansprucht, ist abhängig voneinem zeitlichen Lebensvorgange, ist gleichsam in dieseneingebettet.Der menschliche Leib ist die dem Geist gemäße Behausung. Es ist nicht so,daß ein Tier im Menschen lebt neben einem Geist, sondern die Leiblichkeitdes Menschen ist völlig vom Geist durchdrungen. Sie ist keine tierische,sondern eben die menschliche Leiblichkeit, die ebenso dem Wesen des Men-schen gemäß ist, wie der tierische Organismus dem Wesen des Tieres. Mandenke an den aufrechten Gang oder an die Sprachwerkzeuge oder an dieBesonderheit der menschlichen Hand, aber auch an die spezifischen Vor-gänge im menschlichen Gehirn. Diese Spezifizität erkennen jetzt auch dieNaturforscher und Mediziner an. Man versteht nun auch, weshalb es einUnsinn ist, die Anthropologie, selbst wo sie Somatologie ist, als einen Zweigder Zoologie zu betrachten.

Im folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über die verschiedenen Ent-sprcchungstheoricn, die im Laufe der Jahrzehnte aufgestellt worden sind, um dasVerhältnis oder die Beziehungen oder die Entsprechungen zwischen Leib, Seeleund Geist plausibel zu machen.

Schon das Altertum nahm eine Entsprechung zwischen leib-seelischen undgeistigen Vorgängen an. Und die Neuzeit nahm diesen Glauben wieder auf.Eine ausführliche Würdigung des Problems in der neueren Zeit enthält schondas Werk von Juan Huarte, Examen de ingeniös 1575, (1752 von Lessing übersetzt), in dem die Übereinstimmung der körperlichen Konstitution und Er-scheinung mit der seelischen Eigentümlichkeit des einzelnen nachzuweisen ver-sucht wird; ebenso der folgende kuriose Traktat, dessen Inhalt sich im wesent-lichen aus dem Titel ergibt: Anthroposcopea seu judicium hominis dehomine, ex lineamentis externis a capite usque ad calcem proximum, ex proba-tissimis, quotquot fere exstant, physiognomiae humanae scriptoribus summa cumStudio excerptum et in usum studiosorum artium liberalium simplici stylo acmethodo formatum, tribus libellis comprehensum et pubblici juris factum. Cumindice verum seu Indicij sufficientissimo a M. Andrea Othono, Colberga-Pomerano. Regiomonti Borussorum ... 12 °. Anno 1647.

Das Büchlein ist eindringlich und genau: es unterscheidet in ihren Wirkungenz. B. 26 Kopfformen, 65 Haararten, 21 Ohrformen, 42 Stirnformen usw.

Hierher gehört auch Edonis Neuhusi Theatrum Ingenii humani sive deeognoscenda hominum indole et secretis animi moribus libri duo. Ed. nova 1648.Das zweite Kapitel, in dem dieEntsprechung mit vielen historischen Beispielenbelegt wird, trägt die Überschrift:De consensione corporis et animi ad deno-tandam indolem.

Wenn wir die verschiedenen Entsprechungstheorien nach ihrem Inhalt ordnenwollen, so können wir drei Gruppen unterscheiden:

1. solche, die die allgemeine Konstitution des Menschen odereinen beliebigen Körperteil mit dem Geiste des Menschen in Verbindung bringen.Auf solche Entsprechung haben seit Hippokrates und Galen bisKretschmer und Jaspers namentlich Ärzte bestanden. In der neuerenZeit finden sich unter den Rasseforschern Männer, welche den Glauben an diese