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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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3. die Muskeln an den Seiten des Rumpfes werden schräg gezogen: Liszt ,Richard Wagner .

4. ist an Menschen nicht nachweisbar.

Othmar Rutz, Musik, Wort und Körper als Gemütsausdruck, 1911;Vgl. 0. W a 1 z e 1, Gehalt und Gestalt im dichterischen Kunstwerk (1929)96 ff.

2. Die zweite Gruppe von Entsprechungstheorien ist diejenige, die dem Geistedas Gehirn als Wohnung anweist und aus der Beschaffenheit des GehirnsSchlüsse auf seinen Bewohner zieht. Sie weist wiederum verschiedene Spiel-arten auf.

Da ist zunächst die These, daß die Größe des Gehirns über die Größeder Intelligenz entscheidet. Aristoteles war der Ansicht, daß die Menschenmit kleinen Köpfen klüger seien, als die mit großen (Problematum Sectio XXX).

In der neuen Zeit kam die entgegengesetzte Meinung auf, daß große Köpfe undschwere Gehirne das Zeichen hervorragender Geistesgaben seien.

Schon Cu vierstellt fest, daß die Intelligenz in einer konstanten Proportionsteht mit der relativen Größe des Gehirns und vor allem seiner beiden Haemi-sphären. Sein Zeitgenosse, der Anatom Sommer ing in Frankfurt a. M. sollals erster (?) denfolgenreichen Ausspruch getan haben:der Mensch unter-scheidet sich von den Tieren hauptsächlich dadurch, daß die Masse seines Ge-hirns den Komplex der übrigen Nerven in einem hohen Grade überwiegt, wasbei den übrigen (!) Tieren nicht statt hat. Vgl. H. Boehmer , Geschichte derEntwicklung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung in Deutschland (1872),94. Deshalb brachte das 18. Jahrhundert der Schädel messung ein großesInteresse entgegen. Man sammelte Schädel der verschiedenen Menschenrassennach dem Vorgänge von Adrian Spiegel, De corporis humani fabrica.Blumenbach (17521840) hatte eine reichhaltige Schädelsammlung, von derer 17901820 eine Beschreibung veröffentlichte. Desgleichen der holländischeAnatom Peter Camper . Beide lehrten die norma verticalis, eine normativeSchädelform. Unter den späteren Kranioskopen (Schädelmessern) ragen hervorder Schwede Anders Retzius (17961860), von dem dieSchädelindex-Bestimmung (Verhältnis zwischen Länge und Breite des Schädels) stammt; derIre John Grattan (18001871); die Franzosen Pierre Paul Broca (18241880), Paul Topinard, Armand de Quatrefages (18101892),die Deutschen R. L. K. V i r c h o w (18211902) und Otto Ammon (seit 1886).Heutzutage ist die Schädelmesserei auch in Fachkreisen nicht mehr so geschätztwie früher.

In welcher geradezu frivolen Weise man in früherer Zeit auf Grund lächerlichkleiner Zahlen auf die Größe geistiger Fähigkeiten aus der Schädelgröße schloß,mögen einige Beispiele zeigen. Der Phantast C. G. C a r u s, der aber zu seinerZeit eine große Anhängerschaft hatte, stellte in seiner berüchtigtenDenkschriftzum 100jährigen Geburtsfeste Goethes (1849) auf Grund von 256 (!) Schädelnfest: daß der Schädelinhalt beim Weißen 87, beim Mongolen 83, beim Malaien 81,beim Amerikaner 82, beim Neger und Australier 78 Kubikzoll beträgt undalso seineTagvölker (die weißen Völker)die höhere geistige Befähigungbesitzen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, namentlich gegen dessen Ende, wurde dieHirngewichts- und Kopfgrößentheorie mit Vorliebe zur Begründung bestimmter