So schrieb Kant in seiner „Anthropologie“ § 79 III.: „Nachdem die Karika-turzeichnungen (?!) menschlicher Köpfe von Batt. Porta, welche Tierköpfedarstellen und danach auf eine Ähnlichkeit der Naturanlagen in beiden schließensollten, längst vergessen, Lavaters weitläufige, durch Silhouetten zu einer eineZeitlang allgemein beliebten und wohlfeilen Ware geworden, Verbreitung diesesGeschmacks aber neuerdings ganz verlassen worden... so ist die Physiognomikals Ausspähungskunst des Inneren im Menschen gewisser äußerer unwillkürlichgegebener Zeichen ganz aus der Nachfrage gekommen.“
„Die Physiognomik pflegt seit einiger Zeit als ein trügerisches und chimärischesStudium verworfen zu werden“, schreibt Wilhelm von Humboldt inseinem Plane einer vergleichenden Anthropologie im Jahre 1795 und ein paarJahre später führt er diese Gedanken wie folgt aus: „Die Physiognomik ist da-durch so verdächtig geworden, daß man sie zu einem Mittel herabgewürdigt hat,das Innere des Menschen in seinem Äußeren zu lesen und dadurch der eigent-lichen, Zeit und Gelegenheit kostenden Prüfung zuvorzukommen — ein sonder-barer Vorschlag in der Tat, die zuverlässig» und deutliche Sprache der Hand-lungen und selbst der Reden gegen die zweideutige und dunkle einiger so oderanders gekrümmter Umrisse zu vertauschen“ ... „So bleibt also die eigentlichetheoretische Physiognomik immer nur ein Geschöpf für müßige Grübler undgleichsam ein Luxus des menschlichen Verstandes.“ Die Physiognomik als Mittelder Menschenkenntnis (1799); zit. bei F. H e i n e m a n n, a. a. 0. S. 115.
„Das Streben der Physiognomik ist meist nur ein verfeinerter Materialismus.Eben weil sie die verborgene Einheit der menschlichen Gestalt in ihrer höchstenVollendung, die Idee derselben verkennt, glaubt sie dieselbe in irgendeinerEinzelheit der Form zu finden. Aber das Höchste, was sich den Menschen offen-baren kann, ist sichtbar und unsichtbar zugleich. Alle in dieser Verschiedenheitin einer höheren Durchdringung gebiert erst die wahre, verborgene Urgestalt,das in der Erscheinung zerbrochene, zertrümmerte Bild Gottes im Menschen.“H. Steffens, Anthropologie 2 (1822), 346/47.
Ähnliche Urteile bei anderen Anthropologen der Zeit. Siehe z. B. G. E.Schulze, Psychische Anthropologie. 3. Aufl. 1826. § 44. Sehr scharf ist auchdas Urteil Napoleons über Lavater : sein System, schreibt er im Mömorial, istein Erz-Charlatanismus. „Die Leichtgläubigkeit ist unsere Erbsünde... kaumsehen wir die Gesichtszüge eines Menschen, so glauben wir, seinen Charakterdanach beurteilen zu können.... Erfahrung und Beobachtung (die ich beide imLeben Gelegenheit genug gehabt habe zu üben) beweisen, daß diese äußerenKennzeichen ebensoviel Täuschungen sind, vor denen man sich hüten sollte unddaß das einzige Mittel, die Menschen zu beurteilen und zu erkennen, darin be-steht: daß man sie beobachte, prüfe und sie handeln lasse ...“
„On ne doit pas prendre les hommes ä leur visage; on ne les connait bien qu’al’essai. Que de figures j’ai eu ä juger dans ma viel que d’experiences j’ai pufaire! que de dönonciations, que de rapports j’ai entendus! Aussi m’etais-je faitla loi constante de me laisser influencer jamais par les traits ni par les paroles.“Memorial.
Unter den gelehrten Kritiken verdient noch Beachtung die von J h. T i s s o tin seinem Werke „Anthropologie speculative generale“ 2 (1843), 57—181.
Diese Zeit der Mißachtung dauerte für die Physiognomik den größten Teil des19. Jahrhunderts an. Auch der phantastische Karl Gust. Carus (1789—1869),.