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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Wir wissen es nicht und wir werden es nie erfahren.

Wie aber hängen Geist und Leben zusammen? Darauf hatschon Augustinus (De civitate Dei XXI. 10) die richtige Antwort erteilt.

Modus quo corporibus adhaeret Spiritus comprehendi ab hominibus nonpotest et hoc tarnen homo est. Das heißt also: Auch w i e das Zusammen-wirken von Geist und Leben sich vollzieht, wird uns ewig verborgenbleiben:verstehen werden wir es nie. Wir können nur äußerlich daranherumtasten und mit Hilfe des naturwissenschaftlichen Denkens, dasRegel-mäßigkeiten notiert, irgend eine Hypothese aufstellen, die wir sogar viel-leicht als Fiktion gelegentlich einmal anwenden können, um uns den er-sehnten Einblick in bestimmte Zusammenhänge nicht zu verschaffen, aberdoch vorzuspiegeln.

Was wir mit Sicherheit wissen, ist nur dieses: daß Geist und Leben imMenschen zusammen da sind, unzertrennlich, sich gegenseitig bedingendund vorausetzend, nicht wie Seele und Leib, die dasselbe sind, sondern wiezwei selbständige Dinge, die nur in ihrem Zusammensein eine Wirkungerzielen: Correlata, Komplementär-Dinge, deren Eigenart wir uns am bestendurch Vergleiche klarmachen. Geist und Leben verhalten sich wie

Kette und Einschlag,

Kanavas und Muster,

Spieler und Instrument,

Reiter und Reittier,

Klinge und Scheide.

Daß sie in einem letzten Sein vereinigt sind, wollen wir uns als Glaubennicht streitig machen lassen:

So im Kleinen wie im Großen

Wirkt Natur, wirkt Menschengeist und beide

Sind ein Abglanz jenes Urlichts droben,

Das unsichtbar alle Welt erleuchtet. (G o e t h e.)

Ich meine nun aber, daß dieses Nicht-Wissen uns hier wie so oft in derLehre vom Menschen gar nicht zu betrüben braucht. Wozu müssen wirdenn die Zusammenhänge von Leib-Seele und Geist kennen? Möglich, daßdie Psychiater Wert auf ihre Erkundung legen, obwohl auch ihre Heil-methoden längst nicht mehr in dem Maße wie früher auf der Annahmeleib-seelisch-geistiger Beziehungen aufgebaut sind.

Aber wir andern? Was gehen uns diese Beziehungen an, auch wenn wirwissenschaftliche Zwecke verfolgen?

Wozu braucht denn der Menschheits- und Kulturforscher dieses Wissen?Etwa um im Bereiche der geistigen Kultur sich ein besseres Verständnis für