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die Werke der Religionsstifter, der Philosophen, der Dichter und derKünstler zu verschaffen, wie man wohl angenommen hat? Aber diese An-nahme beruhte auf einem großen Irrtum. Man verkannte die Eigenständig-keit des Geistgebildes; man begriff nicht, daß die Sinnhaftigkeit des Werkesunabhängig von der leib-seelischen Veranlagung seines Schöpfers bestehtund gewertet werden muß; daß Ableitungen des Geistigen aus der leib-see-lischen Sphäre immer auf eine Herabminderung großer Offenbarungen hin-auslaufen. Welche Verflachung bedeutet es, die Lehren des Buddhismus oder des Christentums aus den Personen des Buddha oder des Paulus ver-stehen zu wollen? Oder Nietzsches Anti-Christ aus der Zerrüttung seinesGeistes? Was haben Michelangelos „Jüngstes Gericht“ oder Goethes„Faust “ mit der Geschlechtlichkeit oder der Verdauung dieser Heroen zuschaffen? Daß diese Werke da sind, ist das Wichtige und das, worum wiruns allein zu kümmern haben. Sie gilt es unserem Verständnis zu er-schließen. Und dieses Verständnis erschweren wir uns, wenn wir immerfortdanach forschen, was für leib-seelische Gebrechen (denn darauf wird esdoch immer hinauslaufen) ihre Schöpfer gehabt haben. Wie viel leichterkommen wir zum Verständnis einer Philosophie oder eines Dichtwerks,dessen Verfasser wir nicht kennen als dem der Erzeugnisse allzubekannterMenschen. Wie viel besser ist in dieser Beziehung H e r a k 1 i t daran alsSchopenhauer oder Nietzsche, Shakespeare als Kleistoder Hölderlin usw.
Der arme Goethe! Wie viel näher würden uns seine Werke stehenoder wir ihnen, wenn man sich ihren Schöpfer als Kreis vorstellte, wie manvorgeschlagen hat.
Im Bereiche der gesellschaftlichen Kultur — im staatlichen, politischen,wirtschaftlichen Leben — liegt der Gedanke näher, die leib-seelische Ver-fassung „der Menschen, die Geschichte machen“ zu untersuchen, weil vonihren Motiven ja die Ereignisse selber bestimmt werden. Aber auch hiergerät man auf Abwege, wenn man den Beweggründen nachspürt, die zu denMotiven den Anlaß gegeben haben könnten: ich verweise den Leser aufdas, was ich oben Seite 13 über den Unterschied von Beweggrund undMotiv bemerkt habe. Jeder Schritt über das geistige Motiv hinaus führt unsaus der Sphäre des Verstehbaren in die Untergründe und Abgründe desBloß-Deutbaren, wo es nur noch ein Raten und Vermuten gibt, das einerernsten Wissenschaft unwürdig ist. Eine populäre Literatur pflegt heute mitVorliebe und starkem Erfolge dieses Genre des psychologischen und psycho-analytischen Charakterstudiums historischer Persönlichkeiten und weist oftrecht amüsante Leistungen auf. Kein Wunder, denn gerade das Rätselratenist eine recht unterhaltsame Beschäftigung. Aber es bleibt doch eine