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Diese Feststellungen gelten aber auch für alle, selbst die primitivstenKulturen. Jede Annahme von „Naturgefühlen“, die unabhängig vom Geistbestünden, ist für alle Zeiten und alle Lagen abwegig.
Es entspricht der Auffassung des Laien, bestimmten Beziehungen zwischenMenschen reine Naturhaftigkeit zuzuschreiben und sie in Gegensatz zu an-dern „geistigen“ Beziehungen zu setzen: etwa die Mutterliebe in Gegensatzzur Vaterliebe. Diese Ansicht spielt in der Psychoanalyse auch inwissenschaftlicher Gestalt eine große Rolle. So meint z.B. Emil Lorenzin seinem sonst vortrefflichen Buche: Der politische Mythus (1923), Seite 11:daß die verschiedenen Liebesarten — Mutter-, Kindes-, Heimat-, Vaterlands-liebe — Gefühle einer „wesenhaften“ Zusammengehörigkeit sind. „Die Ge-bundenheit des Menschen an seine Mutter, an seine Heimat, der Mutter anihr Kind ist mit der Menschennatur unmittelbar gegeben und darum für siewesentlich.“ Richtig: mit der Menschennatur, darum aber geistbestimmt.
Es ist auch eine falsche Aufgabestellung: „das Gesetz der Entstehung,Aufeinanderfolge und Abstammung der mythischen Kulturbegriffe von denNaturbegriffen aufzuweisen.“ Falsch ist auch: „daß die Tendenz bestehenmuß, Kulturbegriffe durch Naturbegriffe zu stützen und zu ersetzen.“ Inbezug auf den Menschen gibt es eben keine Natur-, sondern nur Kultur-begriffe. Selbst in der „Horde“ weht der Geist, wie unser Autor ohne eszu wollen in einer Feststellung wie der folgenden bestätigt: „Die Bandendes Blutes bewirken eine Art Brüderlichkeit zwischen ihren Gliedern. Sieist eine biologisch-physische Einheit mit der Zentralidee der ge-meinsamen Abstammun g.“
Deutlicher kann man die Geistverbundenheit nicht ausdrüclcen. Manfrage (!) doch einmal, wenn man den Mut hat, eine Biene oder Ameise, obsie denn wirklich „Zusammenhalten“, weil „die Zentralidee der gemein-samen Abstammung“ sie eint. Man wird sich wundern über die Antwort,die man bekommt.
Im Geiste verbunden sein bedeutet:
3. verbunden sein durch etwas, und zwar durch Sinngebung, wie siegeschaffen wird durch Ausdrucksmittel, die eine „Bedeutung“ haben, d. h.einen abstrakten, objektiven, aus einem bestimmten Kausalzusammenhangherausgehobenen Sinn. Solche Ausdrucksmittel nennen wir „Symbole“,wenn sie in etwas Anschaulichem, Sinnlichem verkörpert sind, der etwasAbstraktes „bedeutet“: Kreuz — Fahne — Schwert; Ausdrucksbewegung(L. K1 a g e s), wenn sie in einer Bewegung unseres Leibes bestehen, Sprache,wenn sie Worte sind. Über keines dieser Ausdrucksmittel verfügt das Tier,weil es keinen Geist hat. Für das Tier „bedeuten“ Wort, Handlung,Peitsche nichts; sie sind nur Glieder in einer ihm bekannten Kausalkette.