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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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schließt aus der Natur der Sprache:daß die geschiedene Individualitätüberhaupt nur eine Erscheinung bedingten Daseins geistiger Wesen ist,daß der bewußte menschliche Geist und die Sprache aus dem gemeinsamenUrgründe des allgemeinen Geistes herstammen.

Damit ist das Problem dahin geschoben, wohin es gehört: in dieMetaphysik.

Worüber wir uns im folgenden unterhalten wollen, ist einerseits dieFrage nach dem Wesen und Sinn der Sprache, andererseits diejenige nachihrer Bedeutung für den Aufbau der Kultur.

Über Begriff und Wesen der Sprache etwas neues zu sagen,dürfte kaum möglich sein. Auch die geistvollen Erörterungen von LudwigK1 a g e s enthalten keine wesentlich neuen Gedanken. Mußte doch schonim Jahre 1851 ein Gelehrter von dem Ausmaße Jakob Grimms in seinerberühmten Rede über denUrsprung der Sprache darauf verzichten, zumGrundsätzlichen etwas Neues beizutragen und mußte er sich schon damalsbegnügen, im wesentlichen die Ausführungen Herders zu wiederholen.Denn diesen müssen wir als denjenigen ansehen, der den Gedanken über dasWesen der Sprache eine endgültige Prägung verliehen hat.

Ein großer Teil der Ausführungen Herders gipfelt in der Aufstellungund Begründung des wichtigen Satzes: daß Denken und Sprache dasselbesind: ein Gedanke, den Herder wohl seinem Meister Joh. Georg II a -mann nachgedacht hatte.

Im Grunde faßte damit Herder nur in deutsche Worte, was den Grie-chen eine geläufige Vorstellung war: bedeutete doch das Wort Aoyo?1. Wort, 2. Sinn, 3. Geist. Wenn dann Herder als den Sprachvorgangbezeichnete:eine Sache als Merkmal sich anzueignen auf dem gefundenenMerkmal ein willkürliches Zeichen zu substituieren, so bezeichnete er damitnichts anderes als den Denkvorgang: denn dieser beruht im Herausfindeneines Merkmals und demAbziehen, Loslösen dieses Merkmals von demGegenstände, was wirAbstraktion nennen, als welche das Wesen derBegriffsbildung ausmacht.

Töne, vom Verstände (lies: Geist) zu Merkmalen geprägt sind Worte.Die Sprache aber ist der Inbegriff von Worten. Sie beruht auf der Zeichen-funktion ... Ein Wort entsteht erst durch die Merkmalbildung, also dieZeichenfunktion. Ein Merkmal feststellen und festhalten kann aber derGeist dank seiner uns bekannten Fähigkeit, sich aus dem natürlichenKausalzusammenhänge zu lösen, sich und die Dinge zu vergegenständlichen.

Dieses also ist der Tatbestand: der Mensch denkt in Worten, er spricht,indem er denkt: das Sprechen ist eine notwendige Bedingung des Denkens,auch wenn der Mensch sich in abgeschlossener Einsamkeit befindet. Die