Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
87
Einzelbild herunterladen
 

87

Tiere in anderen Fällen in Betracht ziehe. So glückte das Experiment mit denbeiden Bambusstäben immer dann nicht, wenn diese in eine annähernd paralleleLage zueinander gebracht wurden. Beweis dafür, daß dem Affen die Lösungder Aufgabe unter veränderten optischen Bedingungen nicht gelang. Oder: einefest in die Ecke gerückte Kiste, eine dicht an die Wand angelehnte Leiter wurdeals Kiste und Leiter nicht erkannt. Beweis dafür, daß das Tier den echtenGegenstand als solchen nicht erkennt. Allgemein kann man sagen, lehren dieseund andere Experimente, daß auch für denintelligentesten Schimpansen dasSachding in seiner Wesenheit und Selbständigkeit nicht besteht, sondern immernur in seiner Bezogenheit auf eine bestimmte Lage (Situation). Es erweist sichhier wieder, was wir als die wesentliche Eigenschaft der Tiere kennengelernthaben, die sie vom Menschen grundsätzlich unterscheidet, daß das Tier sich ausdem Hic et nunc, anders ausgedrückt aus dem Naturzusammenhang, in den estriebhaft-kausal eingeordnet ist, nicht herauszuheben vermag. Also: das Tiernutzt keine Werkzeuge, geschweige daß es sieverfertigte. Man könnte auchmit einiger Berechtigung fragen; wenn wenigstens der Edelaffe eintool makinganimal ist: warum hat er in. den Jahrtausenden seiner Existenz in der Wildniskeine Werkzeuge hergestellt, die sich doch allmählich hätten vervollkommnenmüssen? Warum baut er noch immer keine Rotationspressen, da er doch eben-soviel Zeit zur Entwicklung der Technik gehabt hat als der Mensch?

Die Antwort auf diese Frage lautet: weil er überhaupt keine Technikhat. Kein Tier hat Technik. Auch die Nachtigall singt nicht so schön, weil sieetwa über eine gute Gesangstechnik verfügt; der Biber, die Biene, die Termitenbauen ihre verzwickten Bauten nicht auf Grund einer vollendeten Bautechnik,die Möve spottet in der Luft aller menschlichen Fliegerei nicht, weil sie einebessere Flugtechnik als der Mensch besitzt. Hätten die Tiere Technik, dannwürden sie auch einmal anders verfahren als sie es tun. Denn Technik ist Geistund der Geist wirkt durch die einzelne Person und diese ist in ihrem Tun selbst-ständig und willkürlich.

Die Werke der Tiere aber sind einförmig, jede Biene baut wie die andereneben sich und nacheinander immer dasselbe. Hätten sie auch nur eine Spurder geistigen Kraft, so würde man wenigstens Mannigfaltigkeit in ihren Werkenfinden, wenn man auch keine Vollendung wahrnähme; jedes Geschöpf der näm-lichen Gattung würde etwas erzeugen, das von dem Erzeugnisse seines Mit-geschöpfes einigermaßen verschieden sei. Aber hiervon keine Spur! Alle ar-beiten nach dem nämlichen Muster. Die Ordnung ihrer Handlungenist in die ganze Gattung gewebt, nicht aber das Eigentumeines einzelnen dieser Tiergeschöpf e. So urteilt ein großerNaturforscher. Es ist allerdings schon lange her. Siehe B u f f o n , Natur-geschichte des Menschen.... Erstes Kapitel.

Aus der neueren wissenschaftlichen Literatur nenne ich noch: Zur Strassen,Die neuere Tierpsychologie. 1908; Buytendigk, Zur Untersuchung desWesenunterschieds von Mensch und Tier, Blätter für deutsche Philosophie 1929.III. 1; E. Dennert, Das geistige Erwachen des Urmenschen. 1929; BastianS c h m i d , Aus der Welt des Tieres. 1930 (vortrefflich); derselbe, Begegnungmit Tieren. 1935; daraus: Der Werkzeuggebrauch der Tiere ein Ausdruckhöchster Intelligenzleistung? inForschungen und Fortschritte, XII. Jahrg.,Nr. 3. 2,1. 1936.